Werkstattbericht

Er ist viel zu klein, ich könnte kotzen. Schreien. Toben. Am liebsten würde ich jetzt irgendjemandem die Nase brechen, Blut spritzen lassen, zuschlagen, bis gar nichts mehr geht.
Aber ich schließe nur kurz die Augen und atme tief ein. Natürlich merkt er das. Aber so habe ich es gelernt. Irgendwo
in meinem Bauch ist angeblich ein Muskel oder so, der muss ganz locker sein, wie hängende Schultern. Haben sie mir, hat er mir beigebracht. Also atme ich ganz einfach, ganz tief, ein und dann aus. Und hasse dieses Werkzeug weniger. Ein bisschen weniger. Auch das soll helfen.


Vor mir das Holzbrett. Und der eine Nagel. Daneben liegen die sechs anderen Nägel, und wieder daneben das verfluchte Dreieck aus Holz mit dem Gewicht an einer feinen Kette. Die lange Seite des Dreiecks ruht auf dem Boden. Da, wo sich die beiden kurzen Seiten treffen, oben, in der Mitte, da hängt das Gewicht. Und genau darunter ist ein kleiner Dorn.

Dieser Scheiß-Hammer ist doch gar keiner. Die Wut kocht wieder hoch. Ich fasse den Stiel noch fester. Diesen lächerlichen, dünnen Stiel. Meine Faust bemerkt ihn kaum.
Dieser Blick. Immer dieser fiese Blick, und dieses Grinsen auf dem hageren Gesicht. Die buschigen Augenbrauen. Klar muss er nichts sagen, ich weiß schon. Das Licht der Fackeln flackert. Es ist beschissen kalt und meine Finger sind klamm.
Der verfluchte Kopf des Hammers hat nur die Schlagfläche in der Größe meines Daumennagels. Der Arsch nennt das Bahn. Bahn. Was soll das denn sein? Da ist doch lächerlich. Das Ding wiegt fast nichts. Dafür ist der Stiel recht lang.

Ich greife nach dem ersten Nagel. Und nach dem Klebekram im kleinen Topf daneben. Ich muss den Nagel nicht festhalten, ich darf ihn mit der festen Knete fixieren. Immerhin.
Rund um den eingeschlagenen Nagel hat er mit dem Stift einen Kreis gezeichnet, irgendwo auf dieser Linie müssen die
anderen Nägel eingeschlagen werden. Als ob das so wichtig wäre. Ich verfluche den Tag, an dem ich meine Ausbildung
begann. Auf der Straße hatte ich doch kein ganz schlechtes Leben. Gut, ich gehörte weder zu den Stärksten oder Geschicktesten. Ein paar Kniffe beim Kämpfen hatte ich mir abgeschaut, und so überlebte ich lange genug, bis ich mich nachts mit diesem Arschloch anlegte. Nachdem er mir zweimal gegen den Kopf getreten hatte als ich im Dreck lag, hat er mir angeboten mitzukommen. So etwas kann übel enden, ich weiß, aber bei einem weiteren Tritt wäre es wohl aus gewesen. Ich stimmte zu. Es endete auch nur so halb übel. Ich musste bei ihm in die Lehre
gehen. Immer noch besser als jede Nacht seinen Schwanz in meinem Arsch zu haben. Ein bisschen besser.

Lenk dich nicht ab. Der ›Hammer‹ in meiner Hand, ich weigere mich fast ihn so zu nennen, saust herab auf den fixierten Nagel. Kurz vor dem Auftreffen verzögere ich, so habe ich das gelernt.
Der Nagel wird ins Brett getrieben.
Für mich sieht das gut aus.
Tatsächlich fordert er mich auf, den nächsten Nagel zu nehmen. Meine Stimmung bessert sich, ich beuge mich runter
zu dem Brett, aber im flackernden Licht lässt sich das nicht allzu gut in Augenschein nehmen. Na dann, nächste Knete, nächster Nagel.
Schon beim Ausholen merke ich, dass ich mich nicht genug auf die Aufgabe konzentriert habe, die Verzögerung kommt zu spät und jetzt schreit mir der Meister auch noch ins Ohr – ich treffe den Nagel nur halb, schief, lächerlich. Nicht tief genug.


Der zweite Schlag ist der schwerste denke ich schon wie der Meister, dessen hohles Grinsen noch abstoßender wird. Ich
könnte ihm die Fresse polieren, eine rote Welle aus Wut und Zorn überrollt mich. Er zeigt auf den dritten Nagel. Luft holen. Nicht so verkniffen dreinschauen. Er sagt immer, er könne in meinem Gesicht alles, aber auch alles ablesen. Danke dafür.

Dann wird er irgendwann mal ablesen, dass ich ihm jetzt umgehend mit dem großen Vorschlaghammer den Schädel
einschlage.
Lehrjahre sind keine Herrenjahre noch so ein Spruch. Ich bringe Atmung und meine zitternde Hand wieder unter Kontrolle, nehme Knete und den dritten Nagel. Ich denke jetzt gar nicht groß darüber nach, ein Schwung, ein Schlag. Kurzes Herunterbeugen auf die Höhe der Nagelköpfe. Auch das hier …
Nicht nachdenken, keine Zufriedenheit, keine Frustration, weitermachen. Nächster Nagel, nächster Schlag. Nächster Nagel, nächster Schlag. Als ich zum letzten Nagel greifen will bedeutet er mir einzuhalten.
Es ist Zeit für die, jetzt weiß ich es wieder, Waage. Setzwaage. Die lange Unterseite wird auf dem Nagel in der Mitte und dem misslungenen zweiten Versuch angesetzt. Klar, dass der Dorn nicht auf die Markierung in der Mitte zeigt.
Wut kocht wieder in mir hoch. Ein Fäustel würde reichen, eine kurze Gelegenheit, und mein Meister wäre blutver-
schmierte Vergangenheit.
Jetzt setzt er die Auflagenseite auf den ersten Nagel. Nach kurzem Auspendeln zeigt die Spitze des Gewichts auf den Dorn. Ich hatte recht gehabt.
Er legt das Instrument wieder zur Seite.
Was will er jetzt schon wieder? Noch ein Nagel, Lektion vorbei, dann lieber wieder Alltagsgeschäft? Lass mich doch den
sechsten Nagel einschlagen. Stattdessen bedeutet er mir mitzukommen. Wir gehen nach nebenan. Bange Blicke folgen uns im nächsten Gewölbe, aber alle haben schön gelernt, die Klappe zu halten. Kann keiner sagen, dass der Meister nicht wüsste was er tut. Das ist ja das Problem. Ruhig bleiben.
Er geht zu einem Mädchen, einer jungen Frau, dreckig, stinkend wie alle hier. Nimmt ihre Hand. Legt sie flach auf den
Boden und hält sie fest. Ich schaue sie nicht an, gelernt ist gelernt. Nur auf die Hand, die Finger, den Zeigefinger. Lasse
mich neben ihr nieder. Sein Blick sagt: jetzt.


Wieder der Schwung, wieder das Verzögern, und das satte Auftreffen. Sie kann nicht anders, sie schreit laut auf und mein Meister verpasst ihr eine Ohrfeige.

Dann nimmt er die Hand der wimmernden Gestalt und betrachtet das vordere Fingerglied. Ich senke die Augen, aus
meiner Sicht war alles richtig. Nicht übermütig werden. Der Fingernagel war zersplittert, das Fleisch aufgeplatzt, aber
das Gelenk unbeschädigt. So, wie es sein sollte. Der Meister schnipste kurz gegen den Finger, ein Stöhnen, ein kurzer böser Blick.
Mir bedeutet er aufzustehen.


›Die Kunst ist das rechte Maß aus Kraft und Geschicklichkeit‹ kam mir wieder in den Sinn. Schließlich sollten die meisten Aufträge nachher wieder einer nützlichen Arbeit nachgehen. Nur Idioten schlagen sie zu Krüppeln. Es sei denn, der Auftrag lautet so. Auch das kommt vor.
Ich darf das zierliche Hämmerchen ablegen.
Zur Belohnung deutet der Meister auf den … Fäustel.
Endlich. Es gibt da noch ein paar Kniescheiben einzuschlagen. Aber nicht das Gelenk beschädigen.
Ich weiß Bescheid, schließlich bin ich bald kein Lehrling mehr sondern Geselle.


WERKSTATTBERICHT
Michael Scheuch
Seeheim, Dezember 2020/Januar 2021

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