Erbe

Der Geschichten um die Blauhelme zweiter Teil
Jörg Meierotte

Es ist das Jahr Achtundvierzig nach dem vorläufigen Ende der Finsternis. Diese Erzählung spielt im gleichen Zeitraum wie »Die Vereinbarung« aus dem Dämonenboten 70 (Follow 412) und in direktem Anschluss an »Echo“ aus dem Dämonenboten 75 (Follow 421). 

Taz Breitbust war in Eile. Schnell war er zu seiner Hütte im Hafenviertel Ureban Na Xertes gelaufen, um sich ein schwarzes Hemd überzustreifen. Der blaue Fleck auf seiner Brust hatte sich in den letzten Augenblicken nicht nur verdunkelt, so dass er jetzt eine königsblaue Farbe annahm, er hatte auch die Umrisse eines Helmes angenommen.
Der Goblin schaute sich um. Er stellte fest, dass Limm Weitwurf ihm nicht gefolgt war. Er atmete tief durch, schaute über seine Habe, entschied sich für ein Messer mit und hastete zum Viertel der Zünfte.

Als er die Taverne Zum fröhlichen Kling Klong erreichte war er außer Atem. Die Sonne neigte sich dem Horizont entgegen. Vor der Tür ein weißes Schild, dass die Umrisse eines Zwerges zeigte, umgeben von einem roten Kreis war, dazu ein diagonaler Strich den Zwergenschattenriss. Der Goblin atmete nochmals tief durch und betrat die Schenke.

Überall hingen albyonische Gegenstände. Schilde, Felle und Schwerter bedeckten die Wände. Es roch nach Pfeife. Hinter der Theke stand der im Viertel der Zünfte bekannte Bert MacMullay, der ein Gespräch mit einer anderen Berühmtheit führte, dem Dag und Kupferschmied Glonder Grubol. Taz bemerkte, wie der Blick des Wirtes kurz auf ihm verweilte, er sich dann aber wieder seinem Gesprächspartner zuwandte. Der Goblin schaute sich im Schankraum um und sah dann Drugnar Gunnarson, von dem er wusste, dass er hier oft verkehrte. Der Mensch mit den schwarzen Haaren und breiten Oberarmen saß allein an seinem Tisch und schaute nachdenklich in ein Bier aus der Hausbrauerei. Der Goblin ging zu ihm herüber und setzte sich.

»Eh, Drugnar, du bemerkst auch nichts mehr, oder?«
Der Mensch zeigte einige Augenblicke keine Regung, schaute aber dann von seinem Bier auf.
»Taz Breitbrust! Menschenskinder, dich gibt es noch? Wir haben uns doch seit dem Tod meines Vaters nicht mehr gesehen.«
»Ja, war eine tolle Totenfeier in der Veteranenvereinigung unserer Väter.«
»Was führt dich hier hin? Doch nicht das albyonische Bier?«
»Drugnar, du bist ein unverbesserlicher Säufer. Du bekommst nichts mehr mit.«
»Was sollte ich denn außer deiner Anwesenheit noch bemerkt haben?«
Taz zog bei diesen Worten sein Hemd hoch und entblößte seine Brust. Das Mal leuchtete leicht im schimmrigen Licht der Taverne. Der Mensch zog sein Hemd hoch und bemerkte zum ersten Mal, dass er das gleiche Symbol auf der Brust trug.
»Du hast es also auch. Du weißt auch, was das heißt«, nahm der Goblin das Gespräch wieder auf. »Er ist zurück.«
Während dieser Worte versuchte Drugnar das Mal auf seiner Brust zu verreiben, was allerdings nicht gelang.
»Du Dummkopf, das ist höhere Magie«, ging Taz seinen gegenüber an.
»Jetzt werd‘ Mal nicht frech, Kleiner, sonst setzt es gleich eins.«
»Komm‘ mir nicht so. Weißt du, was dieses Mal bedeutet?«
»Natürlich. Unsere Väter waren beide in der Horde in Waligoi und gehörten damals zu den Blauhelmen. Das war ihr Erkennungszeichen. Allerdings war ihr Anführer eines Tages verschwunden, so sagte es zumindest mein alter Herr, und das Mal verblasste nach und nach. So deutlich wie auf uns Zweien habe ich es bei meinem Vater nie gesehen. Aber was hat das alles zu bedeuten?«
»Er ist zurück, du Spatzenhirn!«, schrie Taz mit schriller Stimme und durch den ganzen Schankraum, sodass sich einige Gäste kurz umdrehten. »Samsa ist zurück!« Bei diesen Worten wurde er kreidebleich.

Drugnar gab einer Bedienung ein Handzeichen, woraufhin diese schnell zwei Krüge Bier brachte. Taz nippte daran und gewann wieder an Farbe.
»Er kam mit dem Schiff, heute erst«, begann der Goblin mit zitternder Stimme, »und ist schon dabei, eine Armee für einen neuen Feldzug aufzustellen.«
»Die Schädelinsel ist eh überbevölkert«, warf Drugnar ein.
»Das Mal zeigt doch, dass wir wie unsere Väter in seinen Dienst eintreten sollen.«
»Oder eher müssen.«
»Ich will aber nicht von hier weg.«
»Ich schon, die verdammten Zwerge machen mein Geschäft kaputt. Deshalb gehe ich auch immer hier trinken. Vielleicht kann man woanders sein Glück machen. Was besseres als hier finde ich überall.«
»Du vielleicht.« Taz nahm noch einen Schluck von dem Gerstensaft. »Auf dem Schlachtfeld bin ich doch zu nichts zu gebrauchen. Ich werde mich aus dem Staub machen, irgendwo im Hinterland der Schädelinsel. Da wird er mich so schnell nicht finden.«
»Und wieso sollte ich Samsa nicht sagen, dass du auf dem Weg dahin bist, Herr Neunmalklug?«
»Weil ich deinen Deckel hier begleichen werde.« Er griff in seine Tasche, holte einige Münzen hervor, zeigte sie seinem Gegenüber und setzte einen fragenden Gesichtsausdruck auf.
»Das reicht ja gerade Mal für heute Abend«, entgegnete dieser nur.
»Ist mir egal, nimm es, alter Schluckspecht.«
Der Goblin knallte das Geld auf den Tisch, nahm einen letzten Schluck und ging in die Richtung der Türe. »Fahr du doch mit diesem verrückten Dämonen sonstwohin, ich werde mein Leben sicher nicht auf dem Schlachtfeld verlieren.«

Taz war noch einige Schritte von der Tür entfernt, als diese sich öffnete. Die Sonne war soeben untergegangen und der Horizont in orange- und Rottönen gefärbt. Ein riesiger Mensch stand im Rahmen.
»Taz Breitbrust, wo willst du denn hin?«, sprach der Hüne ihn an. »Du nimmst schön an diesem Tisch wieder Platz. Schau doch, dein Krug ist noch nicht leer.«
Bei den letzten Worten begannen seine Augen in leichtem Rot zu leuchten. Der Goblin begann zu zittern, bewegte sich sonst jedoch nicht.
»Gut, dann werde ich dich zu deinem Platz geleiten.« Das Leuchten in den Augen wurde intensiver und in eben diesem Moment begann der Goblin zu schweben, drehte sich in der Luft und bewegte sich in Richtung des Tischs. Der Stuhl, auf dem Taz zuvor gesessen hatte, bewegte sich ebenfalls und einen Augenblick später nahm der Goblin unfreiwillig dort Platz. Er sagte keinen Ton.

Der Hüne, der einen langen schwarzen Waffenrock mit einem Schädel als Verzierung trug, stand weiterhin im Türrahmen und warf einen langen Schatten in den Schankraum. Er schritt zur Theke, schüttelte Wirt und Kupferschmied die Hand und sprach kurz mit dem Inhaber in einer Sprache, die dem weiterhin zitternden Taz nicht geläufig war.

Direkt hinter dem Hünen betrat eine kleine, schmale Dunkelelbin mit tiefschwarzen Haaren den Raum. Sie ging leicht und ihr Gang glich einem Tanz. Sie setzte sich ebenfalls an den Tisch, an dem bereits Drugnar und Taz saßen, sprach allerdings kein Wort. Dem Goblin fiel auf, dass sie den Kopf etwas nach links geneigt hatte.

Der riesige Mensch beendete sein Gespräch und kam mit zwei Gläsern Wein zurück an den Tisch, reichte eins seiner Begleiterin und nahm auf dem letzten freistehenden Stuhl Platz. Mit säuselnder Stimme sagte er: »So, meine Lieben, dann mal ›Auf Sataki‹.« Er stieß mit Drugnar und der Elbin an. Als sie die Gläser wieder absetzten ging der Blick des Neuankömmlings von Gesicht zu Gesicht seiner kleinen Tischgesellschaft. Er stieß einen Seufzer aus.
»Es ist doch traurig in dieser Stadt. Viel zu viele Wesen, die Sataki-Priester sind ein lahmer Haufen und die Dämonen sind eine Meute Taugenichtse. Ich bin einen halben Tag hier und langweile mich schon zu Tode.« Er kratzte sich am Kopf und trank einen Schluck aus seinem Glas. »Ich frage mich, wie man es hier so lange aushalten kann. Ich werde Ureban wieder verlassen – und ihr werdet mit mir kommen.« Er nahm einen weiteren Schluck und schaute mit seinen rot leuchtenden Augen in die Runde hinein. Drugnar nickte rhythmisch mit seinem Kopf, während ein Lächeln seine Lippen umspielt. Die Dunkelelbin zeigte ein versteinertes Gesicht, aus dem sie sich eine Strähne hinter das Ohr strich. Taz bewegte sich weiterhin nicht, er zitterte nur leicht.
»Entschuldige, ich vergaß«, nahm der Wortführer den Gesprächsfaden wieder auf. Das Leuchten in seinen Augen verschwand, so dass es wieder in ein Tiefschwarz zurückfiel. Der Goblin griff daraufhin schnell zu seinem Krug und nahm einen großen Schluck.

»Wo sind meine Manieren nur geblieben? Drugnar, Taz, Ilara kennt ihr, oder etwa nicht? Sie ist die Tochter von Myra. Die Zeit ist wirklich vergangen. Eure Eltern sind allesamt hinüber. Nur ich bin von damals übrig geblieben.« Er nahm einen weiteren Schluck.
Kurze Zeit war es still geworden. Drugnar traute sich als Erster die Stille zu brechen.
»Unsere Eltern sind alle aus Waligoi zurückgekehrt, bevor das Finstere Imperium nach und nach zerbrach. Wieso seid ihr das nicht auch?«
»Weil eure Eltern mich verraten haben. Wir verfolgten damals im Auftrag von Orted ak Ceddi den Reiter der Finsternis. Doch als die ganze Situation auf des Messers Schneide stand, haben alle zehn Blauhelme wie feige Hunde gekniffen.«
»Das wusste ich nicht«, sagte Drugnar, nachdem er gespannt den kurzen Sätzen gelauscht hatte. »Mein Vater sprach nie viel von der Zeit in Waligoi.«
»Das war womöglich besser von ihm. Aber hier ist die gute Nachricht für euch. Ihr könnt die Schuld eurer Väter und Mütter nun tilgen und mich nach Waligoi begleiten. Ilara hat mir bereits zugesagt. Wie sieht es mit euch beiden aus?«
Drugnar stand augenblicklich auf und reichte Samsa die Hand. Dieser nahm sie lächelnd entgegen. Als die zwei dort feierlich standen sprang Taz auf.
»Ich komm ganz sicher nicht mit. Ihr seid doch alle verrückt. Mit einer Armee, die seid Jahren nicht gekämpft hat und vermutlich noch nicht Mal einen Onager bedienen kann ins Ewige Eis zu fahren, nur weil einer von euch Langeweile hat und die anderen zwei Versager sind. Sucht euren Tod wo immer ihr ihn haben wollt.« Bei den letzten Worten stand er auf, rückte seine Kleidung zurecht und ging zur Tür. Auf einmal hielt er wie zu einer Salzsäule erstarrt an.
»Ach Taz, du bist ein Angsthase wie schon dein alter Herr.« Die Augen des Hünen leuchteten wieder rot auf. »Warst du je in der Überzeugung eine Wahl zu haben? Ich gab dir die Chance nicht nur die Schuld deines Vaters auszuradieren, sondern auch zu Ruhm und Ehre zu kommen. Leider hast du diese Gelegenheit ergriffen. Zwei Dinge sind für mich klar: Einen Kerl wie dich braucht Sataki nicht in seinem Gefolge – und meine Geduld ist endlich. Drugnar, sei doch so freundlich.«
Der Gerufene ging zum Goblin herüber, zog dessen Messer aus der Scheide, schnitt Taz die Kehle auf und führte die Klinge zurück an seinen Platz. Das Blut pulste auf den Boden. Die Augen des Magiers hatten wieder die normale schwarze Farbe angenommen. Der Goblin sank zu Boden, Drugnar griff ihn an den Füßen und zog ihn auf die Straße heraus.

»Ilara, trink aus, wir müssen die anderen sieben noch aufsuchen.«
»Finden wir für diesen Feigling einen Ersatz?«
»Er hat keine Geschwister. Fahren wir also zu zehnt nach Waligoi.«
Während Ilara bereits zur Tür schritt drehte sich Samsa zum Wirt und schnippte ihm eine Münze herüber.
»Tut mir leid, die Sauerei.«

Der Geschichten um die Blauhelme zweiter Teil
ERBE
Jörg Meierotte
Frankfurt am Main
Mai 2014

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