Die Stunde der Dämonen

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Azi Azatoth der Jüngere erwachte, wie schon so oft in den vergangenen Wochen, von den viel tausendfachen Schreien in Todesangst, die durch sein Schlafzimmerfenster drangen.

Nur schwer schüttelte er die bleischwere Müdigkeit ab, die ihn inzwischen begleitete wie sein Schatten. Doch heute würde er das Getöse der Nacht nicht wieder einfach nur Lärm sein lassen. Langsam kleidete er sich an, verließ das Zimmer und glitt vorbei an den wie erstarrt stehenden Wachen. Es verwunderte ihn nicht, dass sie wie leblos wirkten. Schließlich hätten sie ihm seit Wochen von den nächtlichen Krawallen, dem Lärm von rennenden und schreienden Menschen, einstürzenden Mauern, dem dumpfen Knall einschlagender Onagergeschosse berichten müssen.

Auf dem Weg zur Straßenseite seines 12 2-Zimmer-Appartements mit seitlichem Meerblick wurde der Lärm immer ohrenbetäubender.

Er durchschritt Wohnungstür, Treppenhaus, Haustür ohne gestört zu werden. Draußen auf der Straße bot sich ihm ein Bild der Verwüstung, des Todes und des Blutes.

Zahllose Menschen wurden von Dämonen in allen erdenklichen Gestalten durch die Straße gejagt. Die warfen Äxte und Speere, hieben mit Schwertern und allem erdenklichen anderen Mordgerät um sich. Traf Materie auf Fleisch, floss Blut und das Geschrei schwoll an. Abgetrennte Köperteile bedeckten den Boden, auf dem Pflaster hatte sich bereits eine glitschige Masse gebildet, auf der Menschen, Nicht-Menschen und Dämonen ausrutschten.

Azi Azaoth der Jüngere hatte sich nicht vom Treppenabsatz entfernt, sondern stand im Bann des Bildes still und stumm da.

 

Das Beunruhigendste, das wusste er tief in seinem Inneren, war die Tatsache, dass er nicht beunruhigt war. Zwar hatte er in inzwischen vielen Jahren seines Lebens gelernt, Neues hinzunehmen ohne es zu allererst zu hinterfragen.  Leicht war ihm das nicht gefallen, hatte er doch von Natur aus die Veranlagung, nichts und niemanden ungefragt zu akzeptieren. Doch die Teilnahmslosigkeit, die ihn in diesem Augenblick erfüllte, ging weit über das hinaus.

Und so war der Totentanz in den Straßen von Urben Na Xertes zunächst einmal nicht mehr als ein neuer Aspekt des wahnsinnigen Lebens in dieser unberechenbaren Stadt.

 

Er setzte sich auf die oberste Treppenstufe um das Bild besser auf sich wirken zu lassen.

Die im Blutrausch rasenden Dämonen kamen aus allen magiranischen Völkern, ein paar von ihnen erkannte er wieder als Mitarbeiter imperialer Ministerien und des Heeres. Die meisten waren ihm unbekannt, doch seine Sinne ordneten sie eindeutig der Elite der Horde zu. Es war diese Kombination aus Geruch und Anblick, die keine Zweifel ließen.

Ein paar hatten ihre wahre Gestalt angenommen, in den Augen der eher menschlichen Bewohner Magiras wären sie Monster, meist mit einer Überzahl an Klauen und Zähnen ausgestattet, aber auch riesige amorphe Gestalten, wurmähnliche Wesen mit riesigen Mäulern, die sich überraschend behende bewegten. Es gab Riesenspinnen, überdimensionale Fledermausähnliche, die dicht über die Köpfe der Menschenmenge brausten und mit Ihren Krallen furchtbare Beute machten.

Die Menschen waren zum Teil in ihren Schlafgewändern auf der Straße, andere trugen ihre Tages-Kleidung, wirkten so, als seien sie gerade in höchster Not aus einer Taverne geflohen.

 

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite drang ein übergroßer Ork-Dämon unter lautem Krachen der Tür in das Haus ein. Kurz darauf flohen die Bewohner in haltlosem Schrecken auf die Straße, andere wurden aus Tür und Fenstern geschleudert und kamen bereits mehr tot als lebendig inmitten der schreienden, fliehenden Masse an.

 

+Gefällt Euch, was ihr seht, Stellvertreter des Dämonenlords?* erklang eine tiefe Stimme neben dem versunken dasitzenden Dunkelelben.

Azi Azatoth blickte auf und in das Gesicht von Sternsnacht, einem der Ältesten des Rates für angewandte Magie.

+Ich weiß es noch nicht,* erwiderte er und bot dem über ihm schwebenden wie aus Reflex mit einer Handbewegung einen Platz neben sich an.

+Ich auch nicht,* sagte Sternsnacht als er sich setzte.

Stumm sahen die beiden  in die Menge.

 

*

 

Sternsnacht beendete das Schweigen: +Ich bin seit siebzehn Nächten dabei. Euch habe ich bisher nicht zu Gesicht bekommen, daher erlaubte ich mir, Euch anzusprechen.*

Azi Azaoth sah keinen Grund zu einer Erwiderung.

+Ihr seht gerade etwas, dass ich +Straße der Verdammnis* nenne. Eine nicht geringe Zahl der Unseren treibt die normalen Bewohner Urebans aus der Starre, in der sie sich normalerweise befinden, auf die Straße um sie dann abzuschlachten.*

+So sieht es aus.*

+So ist es,* sagte der Magier.

+Das kann ich noch nicht sagen,* murmelte Azi Azatoth, seinem Hang zum Widerspruch folgend.

+Ich schätze, Euer Haus werden sie wieder auslassen B zumindest haben sie das in den letzten Nächten getan. Es ist doch schön, dass der Respekt vor Euch bis in diese dunkle Stunde reicht, oder?*

+In der Tat.* Azi Azatoth fühlte wieder diese Müdigkeit in sich aufsteigen, die er schon so gut kannte.

Der bedeckte Himmel erglühte im Widerschein hunderter Feuer.

+Es scheint nicht bei der Jagd zu bleiben.* stellte Azi fest.

+Richtig beobachtet. In anderen Vierteln zünden ein paar der, äh, etwas weniger geistesfertigen Dämonen die Häuser ihrer Feinde an. Sobald die Menschen in den Häusern anfangen zu brennen, beginnen sie auch zu schreien.*

+Ich gehe davon aus, dass das keine Folgen für die Stadt und den nächsten Tag hat? Ich höre den Lärm seit geraumer Zeit, aber am Tage habe ich keine Zeichen entdeckt, die auf so etwas wie das hier hinweisen würden.*

 

Ein mächtiger Hieb streckte einen verzweifelt schreienden dicken Mann direkt vor den beiden Dämonen nieder. Sein Peiniger, ein geradezu lächerlich dürrer Dämon mit verzerrtem Grinsen auf dem Gesicht, holte erneut mit seinem Rapier aus und trennte den Kopf vom Rumpf seines Opfers. Zumindest fast. Wieder und wieder hieb er auf den Menschen ein.

+Ich betrachte mir so etwas schon in einer gewöhnlichen Schlacht nicht mit übergroßer Freude,* merkte Azi Azaoth an. Blut bespritzte seinen Mantel, den er gegen die Kühle der Nacht umgelegt hatte. Mit einer kleinen Handbewegung stoppte er den dürren Dämonen, der nun seinerseits auf dem Straßenboden lag, sich den Bauch haltend, aus dem seine Eingeweide an die Nachtluft drängten.

 

+Auch Ihr spürt die Versuchung dieser Stunde?* fragte ihn Sternsnacht.

Azi Azatoth atmete tief durch und visierte nun den Ork-Dämonen an, der erneut eine Haustür eintrat. Plötzlich erstarrte der, begann panisch um sich zu schauen und hielt sich die Ohren zu, aus denen wie in Fontänen Blut spritzte.

+Habt ihr so etwas schon einmal außerhalb der Zwänge von Not und Notwendigkeit getan?* flüsterte Sternsnacht. Azi Azatoth schüttelte langsam den Kopf.

+Normalerweise kämpfen Dämonen auch hier nicht gegen Dämonen. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel, Sire.*

 

Ein zweiter Ork-Dämon beschnüffelte misstrauisch das, was von seinem Bruder übriggeblieben war, blickte dann suchend um sich.

+Nichts von dem was ich jetzt tue wird morgen real sein?* fragte Azatoth den älteren Dämon.

+Ich bin mir darüber noch nicht im Klaren. Ihr werdet Euch an alles erinnern, wenn ihr wollt. Jeder Dämon tut das. Vielleicht schwindet diese Erinnerung etwas schneller als die an einen ganz normalen Tag, aber es ist geschehen.  Die normalen Bewohner dagegen haben keine Ahnung. Einige von ihnen sterben hier jede Nacht. Und wie ich finde: sehr überzeugend.*

 

Ein fast haushoher Dämon mit riesigen Hufen trampelte die Straße herunter, die Zahl der sich noch bewegenden Menschen weiter verringernd. Nachschub aus der gegenüberliegenden Häuserzeile gab es zwar nicht mehr, aber aus der Stadtmitte kamen neue, verzweifelte Gruppen angelaufen.

Der Ork-Dämon stach aus der Masse der sich bewegenden Menschen und Monster heraus, denn er starrte wie gebannt zu den beiden schwarzen Gestalten auf dem Treppenabsatz herüber. Azi Azaoth behielt ihn im Auge bis der Dicke sich endlich wieder einreihte in die Schreckensherrschaft der Nacht. Er verschwand in der Masse.

 

+Warum?* fragte der Vertreter des Dämonenlords

Ein Schulterzucken.

+Ich weiß es nicht, Sire. Ich glaube, diese Stadt hat damit zu tun. Ureban Na Xertes ist ein noch viel zu wenig erforschtes Phänomen auf allen Weltenebenen. Vielleicht hat die Stadt erkannt, dass der Stillstand ein Ventil braucht.*

Ein hässlicher Schleimpfropfen rollte die Straße herunter und saugte fliehende Menschen ein, wuchs dabei und stank wie die Kloaken der Stadt selbst.

+Ich weiß, dass Euch das mit dem angeblichen Stillstand beschäftigt, aber in Wirklichkeit ist es bei uns nicht anders als anderswo,* erwiderte der Schädelträger.

+Es sollte aber anders sein, Sire.*

 

Plötzlich drang der Lärm zersplitternden Holzes und wilder Schreie an ihr Ohr. Nicht aus der gewohnten Richtung, sondern hinter ihnen. Aus dem Haus, in dem das Appartement des Schädelträgers lag. Azi Azatoth war sofort auf den Beinen und im Treppenhaus.

Wie ein Geschoß fegte der Ork-Dämon durch das erste Stockwerk, in beiden Fäusten Äxte, mit denen er den erstarrten Wachen die Köpfe vom Rumpf hieb. Schreiend und tobend durchbrach er die Tür zur Wohnung Azi Azatoths, der Schädelträger hastete die Treppe hoch.

 

In der Wohnung brach mehr als das übliche Chaos aus. Der Ork Dämon berührte die wie erstarrt wirkenden Bewohner, und als die zu Leben erwachten wartete er genau so lange, bis diese erkennen konnten, welche brutale Gewalt sie gleich treffen würde. Viele wurden nicht sofort getötet sondern lagen blutüberströmt und schreiend auf dem Boden.

 

Inmitten des Durcheinanders aus Leibern, Blut und Zerstörung versuchte Azi Azatoth einen Blick auf den Ork zu erhaschen, aber dessen Körper durchbrach Zimmerwände, war nicht auf Türen angewiesen, und die Luft war von Staub und Dreck erfüllt. Die Decke des Wohnzimmers brach krachend ein.

 

Als er den Ork-Dämon gestellt hatte endete der Spuk mit einem feuchten Klatschen, als der feiste Körper, jeden Halt verlierend, auf dem Boden zu einer glitschigen Masse wurde.

 

Azi Azaoth stand inmitten der Überreiste seines Heims. Das er in den letzten Monden kaum verlassen hatte. Vor ihm lag der zerschmetterte Leib Ygors. Brebaqs Schädel war gespalten, und auf beider Gesichter waren Verwunderung und Schmerz zu einer Grimasse geronnen. Der Schädelträger fühlte sich gelähmt, lauschte nach Innen. Was fühlte er?

 

*

 

Er erwachte. Der Schlaf, so schien es ihm, hatte keine Erfrischung gebracht. Aus der Wohnung kamen die üblichen geschäftigen Geräusche, es roch bereits nach gebratenem Speck und Khaffa.

Was geschah ihm? Was geschah ihnen allen?

Als er seine Kleidung anlegte sah er den Blutfleck auf dem Umhang, den er in der Nacht, an die er sich erinnerte, getragen hatte.

Heute würde er die Wohnung verlassen müssen. Um Erkundigungen einzuziehen.

+Guten Morgen, Sire,* begrüßte ihn Brebaq, der Appartementmeister, als Azi Azaoth sein Schlafzimmer verließ. Das mochte so sein.

+Guten Morgen.*

 

 

Michael Scheuch

Die Stunde der Dämonen

Zürich/Bickenbach, September 2010

 

 

 

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