Schock

Eine Vignette von Barbara Ketelsen

Es war einmal ein Menschlein, das gerade erst auf der Schädelinsel eingetroffen, schon eine feste Anstellung als Bursche bei einem Wirt gefunden hatte.
Nun erwartete der Wirt für den kommenden Tag eine größere Abendgesellschaft und so gab er dem jungen Mann, wir wollen ihn hier einmal Karl nennen, einen gut gefüllten Beutel mit allerlei Geldstücken, um die Einkäufe zu bezahlen, einen Rucksack und eine Schubkarre, um die Waren zu transportieren, und eine lange Einkaufsliste.
Karl eilte folgsam zum nahegelegenen Markt.
Er erstand ein halbes Schwein, einen kleinen Sack mit Hafer, zwei kleine Käse. Alles lief gut. Dann erreichte er den Stand von Uschak, dem Hühnerkönig, ein Ork, der vor den Toren Urebans eine große Hühnerzucht betrieb.
Karl blickte auf seine Liste und bestellte frohgemut: »Ein Schock Eier.«
»Was wollen?« Uschak starrte Karl verwundert an und kratzte sich ratlos am A… , nein am Kopf.
Etwas langsamer und viel lauter verlangte Karl: »Ein Schock Eier!«

Ein begreifendes Lächeln erschien auf Uschaks Gesicht und er nickte.
Bevor Karl sich versah, sprang der Ork über dem Tisch, schlug dem Menschen die Nase zu Mus und stopfte ihm ein rohes Ei in den Mund.
»Eins Kupferling!« verlangte er dann stolz.
»Was, bei allen Dämonen, sollte das?« heulte Karl und spuckte Eiweiß und Blut aus, tastete über das, was früher mal aus seinem Gesicht geschaut hatte.
»Schock nicht gut?« wollte Uschak besorgt wissen.
»Wovon redest Du?« kreischte Karl und wich auf dem Hosenboden rutschend vor dem Ork zurück.
»Du wollen Schock! Nicht gereicht? Oder mehr Eiers?« Der dienstleistungswillige Hühnerkönig zog schon mal ein Messer, das fies im Sonnenlicht blinkte.
Langsam dämmerte es Karl, daß er soeben an einer Sprachbarriere gescheitert sein mußte. »Eier! Ich brauche ganz viele Eier!« wimmerte er leise, die Hände schützend vor sich haltend.
»Du gleich sagen. In Mund oder auf Einradwagen?« brummelte Uschak.
Mit zitternder Hand wies Karl auf die Schubkarre.

Uschak packte Karl viele Eier ein. Und dann noch mal viele. Und zu guter Letzt noch ein paar.
Dann schätzte er, daß dieser Einkauf ein Silberstück wert sei. Zu sehr mit seinem Schmerz beschäftigt, um noch zu feilschen, zahlte Karl und floh zurück zu seinem Brötchengeber.
Es heißt, Karl habe sich seitdem nicht mehr aus der Küche herausgetraut und sei inzwischen ein leidlich guter Koch geworden.

Ob das stimmt, kann ich nicht sagen, weil ich ihn nicht persönlich kenne.
Was ich aber weiß, ist, daß man bei der Horde vorsichtig sein sollte bei der Angabe von Maßeinheiten. Es könnte sonst weh tun.

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2 Responses to Schock

  1. Rudi Haas says:

    Bin gaaaanz neu hier.
    Hat mir für´s Erste sehr gut gefallen.
    Muss mich jetzt erst mal noch überall an den anderen Orten umtun und schauen, ob etwas für mich dabei ist.
    Was ich stark vermute.
    Nochmal danke für „den Schock“, habe geschmunzelt.
    ( Man nennt mich mich im RL „Hase“ )

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