Weite, Nähe und andere Träume

Der Himmel ist blau, die Sonne senkt sich langsam dem bewaldeten Horizont entgegen und es kommt ihm vor, als läge purer Frieden in der Luft. Der Wind zerrt an den Ästen, die Luft ist lau und angenehm. Schaut er genau hin, dann zittert das Laub merkwürdig im Wind, die hohen Gräser wiegen sich – irgendwie falsch. Wie gefesselt starrt er auf die Ebene. Dies ist kein Sonnenuntergang, sagt ihm sein Instinkt. Ein Bussard stürzt aus dem Himmel zu Boden, eine Feldmaus im Schnabel. Kurzes, heftiges Geflatter, dann fällt er mit unnatürlicher Geschwindigkeit dem strahlenden Blau wieder entgegen.
Sein Blick schärft sich, sieht jetzt die Ameisen vor seinen Füßen, rückwärts auf ihrem Heerpfad unterwegs. Die Fliege, die sich vom Spinnennetz löst und davonfliegt. Schwarze Punkte am Himmel, Vögel rückwärts fliegend, und die aufgehende Sonne, die weiter untergeht. Ein paar Wolken am Horizont lösen sich auf.
»Es ist wunderschön«, sagt die Stimme an seiner Seite. Langsam dreht er den Kopf, den fremden und vertrauten Lauten folgend. Aus dem Augenwinkel ihre Gestalt, doch sobald sich sein Blick konzentriert bleibt nur ein Schemen. Er war ihr nie begegnet, und doch wusste er, dass sie es war. »Das ist es«, flüstert er leise und nennt ihren Namen, »Sahbri«. Ein Lachen.
»Ich beherrsche die Zeit. Und Du?«
Plötzlich verschwindet die Szenerie, er blickt aus großer Höhe auf das Meer, als stände er auf einem hohen Kliff, höher als alle Steilküsten von denen er wusste. Doch da war kein Land, er schien knapp unter der Wolkendecke zu schweben. Unter ihm bildet sich ein großer schwarzer Fleck im Meer, Dunkelheit die aufsteigt und Gestalt annimmt. Die Gestalt einer großen Insel, in ihrem Zentrum eine schwarze Festung. Aus pechschwarzem Nichts, aus Schatten geformt. Ferner Schlachtenlärm, nur keine Kriegerscharen zu sehen. Todesschreie, verzweifeltes Weinen, endgültiges Stöhnen. Ein dunkelblaues Leuchten ist im Zentrum des Bauwerks zu erkennen, sein Schein dringt durch die Schatten, und dann diese tiefe, alles durchdringende Stimme: »Komm zu mir, und Dein innigster Wunsch …“ Die Stimme schweigt, aber in ihm wächst die Gewissheit: seine geheimste Wünsche würden wahr werden. Nur um den Preis, diese Schatten, diesen Schemen, dieses Echo vergangener Zeit einzuholen. Und das Leuchten zu ergreifen.

Langsam kämpft sich sein Bewusstsein wieder an die Oberfläche. Sternsnacht, der Magier, liegt in seinem Bett, und wie so häufig hallt der Traum noch nach. Das würde verschwinden, dachte er, und war sich im nächsten Moment sicher: diesmal nicht.

*

Die Wüstenluft flimmert, die Ebene gleißt unter der erbarmungslosen Sonne. Die vier Pyramiden erheben sich drohend und stoisch zugleich. Die Bauarbeiten sind wohl beendet, am Fuße der größten von ihnen treiben Reiter kleine menschliche Gestalten zusammen. Zelte und Holzgestelle brennen. Der Wüstenwind ist heiß, Sandkörner schmirgeln die Haut. Er bedeckt seine Augen, Schutz vor den Sonnenstrahlen, aber sein Blick erfasst nicht das Geschehen weit unter ihm. Ruhelos ziehen Gedanken und seine Augen die Bahn, mal am Horizont, mal auf den Steinen vor ihm. Sein Umhang flattert, Schweißperlen fließen von der Stirn ins Gesicht. Sein Atem geht schwer.
Am Rande seines Sichtfelds türmen sich Sand und Wind zu einem Sturm, Blitze zucken durch das schwarz-braune Chaos, und der dunkle Fleck scheint größer zu werden und genau auf ihn zuzuhalten. Hinter ihm türmt sich das karge Gebirge ohne jede Vegetation, ohne jeden Anschein von Leben.
Er kennt diesen Ort. Sie hatten sich hier oft getroffen, weit weg von diesem Moloch von Stadt und diesem Abfallhaufen von Welt, auf einer anderen Scheißwelt eben. Es war, als wäre kaum Zeit vergangen, und doch war alles anders, das wusste er. Stärker als der aufkommende Sturm fühlt er die Zeit an sich zerren, er verzichtete darauf, das Gemetzel tief unter ihm genauer in Augenschein zu nehmen.
»Du hast noch so viele Fragen«, sagt die Stimme an seiner Seite. Die vertraute Stimme, die er so vermisste. Sein Kopf ruckte herum, aber nichts zu sehen. Da versank die Welt im Dunkel.
Als er wieder sieht: das Meer. Meterhohe Wellen, von weißer Gischt gekrönt. Die dunkle Insel, der drohende Schatten einer riesigen Festung. Der Kampf ist in vollem Gange, und aus den Tönen von Schwarz, Grau und schmutzigem Weiß sticht ein blaues Schimmern hervor. Er weiß sofort: hier ist es passiert. Hier verliert er seine einzige Vertraute. Ihr Abschied begann auf diesem Eiland, sturmumtost. Der Geruch von Verrat liegt in der Luft, nicht zuletzt von Götterverrat. Alles, was an dieser Welt falsch und stinkend ist, kumuliert in diesen Stunden und Tagen. Nebelfetzen ziehen vor seinen Augen. Sie sind feucht, sein Herz ist schwer und wieder weigert er sich, allzu genau hinzusehen. Eine dünne Stimme, nicht mehr als ein feines Flüstern einer Frau: »Komm zu mir, und Dein innigster Wunsch …« Das Blau pulst langsam. In den Schlachtenlärm mischt sich ein feines Seufzen.

Mit einem Schlag öffnet Azi Azatoth der Jüngere die Augen, sein Herz pocht, sein Atem geht hektisch. Das alles war zu echt um nur ein Schemen der Nacht zu sein. Das merkwürdigste war die Gewissheit in ihm: er hatte sein Schicksal gesehen.

*

Die schwarzen Wände schlucken die Sonnenstrahlen, die aus den großen Fenstern dringen. Auf dem dunklen Boden zeichnen sich kaum die Umrisse der Fenster ab. Nur Staub flirrt in den beschienen Bereichen, und es riecht nach Alter und Blut. Er ist nicht beeindruckt. Werder von den schieren Dimensionen des Palastes, noch von den düsteren Gemälden, von den Strömen aus Blut, die auf ihnen zu sehen sind und die Schlachtszenen. Die Schlachtäxte, Schwerter, Spieße an den Wänden, die die Patina vergangener glorreicher Zeit tragen lassen ihn kalt. Vollständig konzentriert er sich auf die große Tür am Ende des langen Saales. Hinter ihm leises Gemurmel, vor ihm Stille. Dann schwere Schritte, ein Dröhnen, auch wenn er viele Meter von den Tür entfernt in den vordersten Reihe steht. Ein Platz, den er sich energisch erarbeitet hat.
Die beiden riesigen Türflügel schwingen auf. Eine große, dunkle Gestalt, in einem Umhang mit Kapuze gehüllt, nähert sich langsam aber mit sicherem Schritt dem riesigen Saal des erweiterten Dämonenrates.
Er greift in seine Weste und umklammert das eiskalte Metall, spürt mit den Fingerspitzen den Edelstein, der in den Griff eingefasst ist. Glaubt sogar, seine Wärme zu spüren.
Der Dämonenlord betritt den Saal. Er wird zuerst in seinem pompösen Stuhl Platz nehmen, bevor die anderen sich an ihre Plätze begeben. Doch dazu wird es nicht kommen. Die Wärme eigener Gewissheit, des Bewußtseins von Macht durchdringt seinen Körper, er zieht den Wurfdolch und mit einer durchgehenden Bewegung schleudert er ihn dem Dämonenlord entgegen.
»Der Stein wird ihn für immer von dieser Weltenebene verbannen«, wisperte es in seinem Kopf. Und er wusste, dass sein Ziel nahe war.
Dunkle Wolken, tobendes Meer, sterbende Magiraner. Die Schlacht war in vollem Gange, er steht auf den Mauern der Festung, so nah, so verdammt nah an diesem blauen Leuchten in ihrem Zentrum. Er hatte nicht vor, einen verloren Kampf zu kämpfen. »Komm zu mir, und Dein innigster Wunsch …« Er macht kehrt und betritt die riesige Anlage.

Der Traum ist ihm nahe. Jeden Tag. Jede Minute. Er würde sich auf den Weg machen. Die Möglichkeit, den Dämonenlord für immer von dieser Weltenebene zu verbannen, war noch da. Ein leises Echo in seinem Kopf, aber vielleicht alle Mühen und jeden Verrat wert.

WEITE, NÄHE UND ANDERE TRÄUME
Michael Scheuch
Seeheim, März 2020

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