{"id":219,"date":"2024-06-16T17:10:56","date_gmt":"2024-06-16T16:10:56","guid":{"rendered":"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/?p=219"},"modified":"2024-06-16T17:11:27","modified_gmt":"2024-06-16T16:11:27","slug":"aufstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/aufstehen\/","title":{"rendered":"Aufstehen!"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Schmerz ist unbeschreiblich. Ich wei\u00df schon, die Seite sch\u00fctzen. Das Kettenhemd klafft dort auseinander, war ja auch nur Kampfbeute. Kurzschwert, Dolch? Was denke ich hier? Ich bekomme keine Luft mehr. Blut im Mund. R\u00f6cheln. So geht es also vorbei. Ich st\u00fcrze in den kalten Matsch. Keine Luft. Es war der letzte Beutezug. Schei\u00dfe. Inari. Unser Kind. Es tut so weh. Schw\u00e4rze vor den Augen. Keine Luft. Matsch. Schmerz. Schrei. R\u00f6cheln. Mund voll Blut. Luft! Luft! <em>Es ist \u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbAufstehen\u00ab<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcre nichts. Meine Beine und Arme machen es ganz alleine, ich stehe auf. Mein K\u00f6rper erhebt sich. Ich sehe auch kaum etwas. Alles ist wie die Welt ohne Farben. Ich kann meine Augen auch nicht bewegen, nicht nach links oder rechts schauen. Ich merke, wie mein K\u00f6rper auf der linken Seite Schlagseite hat. Mein linker Arm kann beim Aufstehen kaum helfen, er h\u00e4ngt herab. Verdammt. Kann ich den Kopf wenigstens drehen? Ein bisschen.<br>Ich bin auf dem Schlachtfeld, doch die Schlacht ist weitergezogen. Vor mir, neben mir erheben sich K\u00f6rper, K\u00f6rper wie meiner. Soldaten wie ich. Tote Soldaten wie ich.<br>Die Erkenntnis durchzuckt mich wie ein Schlag. Meine Axt liegt auf dem Boden. Neben dieser wirklich gro\u00dfen Blutlache. <em>Mein Blut.<\/em><br>Es ist nicht rot, sondern schmutzig grau. <em>Wie diese ganze Welt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbGreif die Waffe\u00ab<br><\/h2>\n\n\n\n<p>Mein K\u00f6rper gehorcht, b\u00fcckt sich. Einige andere rund um mich herum kommen dabei ins Straucheln, st\u00fcrzen. Da waren auch ein paar, die immer noch versuchen, sich aufzurichten. Sie haben aber keine Beine mehr, oder zerschmetterte Knie. Die mit den Br\u00fcchen stehen wackelig, fallen hin, wenn Sie sich nach einer Waffe b\u00fccken. Mein K\u00f6rper greift nach der Axt. <em>Meiner Axt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbGeh\u00ab<br><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, woher mein K\u00f6rper wei\u00df, in welche Richtung, aber er setzt einen Fu\u00df vor den anderen. Meine Gef\u00e4hrten ebenso. Sie sehen schlimm aus.<em> Ich sehe sicher auch schlimm aus.<\/em><br>Bauchwunden, halbe K\u00f6pfe fehlen, von Gliedma\u00dfen ganz zu schweigen. Die ohne Beine bleiben zur\u00fcck und versuchen sich mit Armen und H\u00e4nden in die vorgegebene Richtung zu schleppen. Gut, dass mich das Schwert, der Dolch nur in die Seite und in die Lunge getroffen hat. Meine Lungen brauchen keine Luft mehr. <em>Ich atme nicht.<\/em><br>Das merke ich gerade eben erst. Wenn man etwas sein Leben lang gemacht hat, wann merkt man, dass es weg ist? Sicher blinzle ich auch nicht. Kann trotzdem sehen. Tut auch nicht weh. Wenn ich mich anstrenge, dann bringe ich meinen K\u00f6rper dazu, den Kopf zu drehen, damit ich etwas mehr sehen kann. Das habe ich den ganzen Tag gesehen: Ein Schlachtfeld, unser Heer und die anderen, die Feinde. Und wir verlieren.<br>Zusammen mit den anderen erreicht mein K\u00f6rper die Kampflinie. Hier liegen viele tote K\u00f6rper, die einfach liegen bleiben d\u00fcrfen. <em>Ungerecht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbK\u00e4mpf\u00ab<\/h2>\n\n\n\n<p><br>Ich werde nicht gebraucht. Anscheinend. Mein K\u00f6rper schwenkt die Axt, von links nach rechts, oben nach unten, mit sehr viel Wucht. Ich gehe auf einen fremden Krieger zu, er hat ein kurzes Schwert (einen Dolch?). Mein K\u00f6rper interessiert sich nicht daf\u00fcr, was der andere mit seinem Schwert macht, er erwischt ihn mit seiner Klinge. Am Arm, an der Seite. Mein K\u00f6rper geht unbeeindruckt weiter und schwingt weiter die Axt. <em>Ich f\u00fchle keinen Schmerz.<\/em><br>Es ist schlimm zuzusehen, was mein K\u00f6rper macht. Die ganzen \u00dcbungen, die Erfahrung im Axtkampf, alles hier bei mir. Nicht bei ihm. Er schwenkt einfach brutal die Axt, und als diese das Schwert trifft, zerspringt die Klinge. Ja, ich war stark. <em>Damals.<\/em><br>Der Schrecken im Gesicht des anderen. Sein Entsetzen, als er die Natur meines K\u00f6rpers erkennt. Er dreht sich um, will fliehen, da steckt die Axt schon in seiner Schulter. Mein K\u00f6rper zieht sie heraus. Der andere stolpert und f\u00e4llt. Im Fallen spaltet mein K\u00f6rper seinen Kopf, Blut und Gehirn spitzen auf meinen K\u00f6rper und den Boden. <em>So sieht das also aus, wenn man einfach nur zuschauen kann.<\/em><br>Der n\u00e4chste Gegner, auch der blickt entsetzt. Mein K\u00f6rper hat schon eine Menge abbekommen, aber die Axt schwingt weiter. Der Neue achtet mehr auf seine Deckung, sticht zu, zieht sich schnell zur\u00fcck. Mein K\u00f6rper ist da zu langsam, um schnell nachzusetzen. Geht aber trotzdem weiter. <em>Ich schaue nur zu.<\/em><br>Der Gegner trifft meinen linken Arm, zerschmettert die Knochen im Unterarmt. <em>Ich sp\u00fcre nichts.<\/em><br>Sein Triumph ist von kurzer Dauer, zu weit hat er sich in die Reichweite meines K\u00f6rpers gewagt, zack, die Axt in den Bauch. Tief in den Bauch. Er strauchelt, geht zu Boden. <em>Ich m\u00f6chte das nicht sehen.<\/em><br>Mein K\u00f6rper zerhackt den Feind. Nicht mehr als n\u00f6tig, aber lange genug. <em>Aber mir ist nicht schlecht.<\/em><br>Das war bei fr\u00fcheren K\u00e4mpfen anders, wenn ich kurz zur Besinnung kam, aber auch damals war ich im Rausch, und es hie\u00df immer \u00bbIch oder Er\u00ab, und nat\u00fcrlich war ich immer daf\u00fcr, dass ich \u00fcberlebte. Aber wie ist das jetzt? <em>Was hei\u00dft hier \u00fcberleben?<\/em><br>Ich darf so etwas denken, denn mein K\u00f6rper schwankt allein weiter \u00fcbers Schlachtfeld, von Feind zu Feind. Um mich herum meine Kameraden, die mein Schicksal teilen. Der Feind sieht immer mehr von uns, seine fr\u00fcheren Erfolge wenden sich gegen ihn. <em>Wortw\u00f6rtlich.<\/em><br>Wie lange es dauert? Ich wei\u00df es nicht. Kein Schmerz, keine M\u00fcdigkeit, keine Zeit. Bis mir der eine seinen Streithammer in den R\u00fccken jagt. Mein K\u00f6rper geht zu Boden. Mein Gesicht im Schlamm. Ich muss nicht atmen. Aber mein K\u00f6rper bleibt liegen. Und es wird schwarz. <em>Endlich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbAufstehen\u00ab<br><\/h2>\n\n\n\n<p><em>Was?<\/em><br>Ich versuche zu schreien, aber mein K\u00f6rper macht nicht mit. Ich sehe kaum noch was, ich h\u00f6re nichts. Mein K\u00f6rper berappelt sich, kommt auf die Beine, aber der Oberk\u00f6rper, Arme und Kopf, h\u00e4ngen nach vorne. So schaue ich vor allem zu Boden, sehe nur wenig vor mir. Andere Beine, andere h\u00e4ngende Arme mit den Waffen in H\u00e4nden. Ich erinnere mich. <em>Habe ich kein R\u00fcckgrat mehr?<\/em><br>Mein K\u00f6rper h\u00e4lt das Gleichgewicht, ich wei\u00df nicht wie.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbVorw\u00e4rts, Marsch\u00ab<br><\/h2>\n\n\n\n<p>M\u00fchsam setzt mein K\u00f6rper ein Bein vors andere, und wieder scheint er zu wissen, wohin. Es ist wohl Abend geworden, jedenfalls ist es schon sehr dunkel, abgesehen davon, dass ich ja eh nur nach unten sehe. Es hat wieder angefangen zu regnen, Tropfen fallen in die Pf\u00fctzen. Aus Wasser und Blut. Alles Grau. Nicht mal Braun. Hat mein K\u00f6rper noch die Axt? <em>Bin ich noch ein Krieger?<\/em><br>Keine Zeit, es wird dunkel, anscheinend gibt es aber Mondlicht. Weiter, immer weiter. <em>Tratsch, Platsch, kein Gef\u00fchl f\u00fcr den Boden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbStopp. Warten.\u00ab<br><\/h2>\n\n\n\n<p>Mein K\u00f6rper h\u00e4lt Inne, soweit das geht, es ist eine wackelige Angelegenheit. Meine toten Kameraden und ich \u2026 <em>Das klingt furchtbar.<\/em><br>Wir stehen in der Nacht. Der Regen l\u00e4uft an uns herab. Keine Schmerzen. Das halb nach unten schauen hat einen Vorteil: Kein Wasser flie\u00dft in die Augen. Daf\u00fcr bekomme ich nur am Rande einen Blick auf meine Umgebung. Die Umgebung meines K\u00f6rpers. Da vorne ein Geb\u00e4ude. Es kommt mir bekannt vor. Ziemlich gro\u00df. Menschen gehen rein und raus. Menschen, die ganz normal gehen, nicht schlurfen, kein Bein hinter sich herziehen. <em>Keinen zerschmetterten R\u00fccken haben.<\/em><br><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/grafik.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"610\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/grafik-610x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-220\" srcset=\"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/grafik-610x1024.png 610w, https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/grafik-179x300.png 179w, https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/grafik-768x1290.png 768w, https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/grafik.png 848w\" sizes=\"auto, (max-width: 610px) 100vw, 610px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">KI\/Midjourney<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Soldaten, unsere, wie mir scheint. Oh, bei allem, was ich jemals angebetet habe: mein K\u00f6rper ist jetzt einer von ihnen. Ich bin einer von ihnen. Von denen, die wir kaum gesehen haben. Als ich noch in die Gaststube gegangen bin, zur Latrine, zu den Unterk\u00fcnften, zum Appell. Ich habe sie gesehen, meine Kameraden haben sie gesehen. Die Untoten, die auf dem Feld stehen und darauf warten, am n\u00e4chsten Tag mit uns in die Schlacht zu ziehen. Manchmal fiel einer um, dann haben wir gelacht. Wenn wir es gemerkt haben. <em>Eigentlich haben wir sie nicht angesehen.<\/em><br>Jetzt ist mein K\u00f6rper \u2026 Jetzt bin ich einer. Von denen. Die nicht feiern, trinken, huren, pr\u00fcgeln, schreien, singen, den ganzen langen Tag aus Blut, Fleisch und Tod hinter sich lassen, vergessen wollen, einfach: leben wollen. <em>Ich w\u00fcrde auch gerne leben wollen.<\/em><br>Mein K\u00f6rper weint nicht, ich weine nicht. Ich schreie nicht. Ich rufe sie nicht zu mir, meine lebendigen Kameraden, krumm und schief steht mein K\u00f6rper in ihrer Sichtweite, die Axt in der Hand. Ist das nicht eine Frau da? Mit einem dicken Bauch? Ist das \u2026 Inari? Die von dem riesigen Kerl begrapscht wird? <em>Ich kann es nicht sehen, aber ich f\u00fchle es.<\/em><br>Mein K\u00f6rper kann nicht mehr das Gleichgewicht halten, ohne ein Kreuz, das balanciert. Er st\u00fcrzt auf den Ackerboden. Ein Segen? Es wird dunkel. Habe ich es geschafft? Liegt das hinter mir? <em>Ich will doch einfach nur tot sein.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00bbAufstehen\u00ab<\/h2>\n\n\n\n<p>Aufstehen<br>Michael Scheuch<br>Seeheim, M\u00e4rz 2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schmerz ist unbeschreiblich. Ich wei\u00df schon, die Seite sch\u00fctzen. Das Kettenhemd klafft dort auseinander, war ja auch nur Kampfbeute. Kurzschwert, Dolch? Was denke ich hier? Ich bekomme keine Luft mehr. Blut im Mund. R\u00f6cheln. 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