{"id":199,"date":"2022-10-16T11:23:06","date_gmt":"2022-10-16T10:23:06","guid":{"rendered":"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/?p=199"},"modified":"2024-06-16T17:13:19","modified_gmt":"2024-06-16T16:13:19","slug":"vom-tode-der-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/vom-tode-der-moral\/","title":{"rendered":"Vom Tode der Moral"},"content":{"rendered":"\n<p>Vom Tode der Moral<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auf dem Feldherrenh\u00fcgel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbKomm\u00ab, fl\u00fcsterte Aixa, die junge Ordonanz. Ein vorsichtiger Blick in die Weite des K\u00fcchenzeltes, dann ein kecker Blick zu Oszra, gefolgt von einem auffordernden Zupfen am \u00c4rmel. Sie huschte lautlos hinten aus dem Zelt, dort wo es zu den Waschstellen und Aborten ging. Oszra sch\u00fcttelte demonstrativ zwei Holzteller ab, die er gerade in der Sp\u00fcle bearbeitet hatte. Er wusste, wenn er jetzt Aixa folgte und der K\u00fcchenchef erwischte ihn, dann w\u00fcrde er heute Nacht auf dem Bauch schlafen. Nicht heimlich tun war das Gebot des Moments. Heimlichkeit wurde sofort bemerkt. Noch mal Wasser von den Tellern sch\u00fctteln, und sie dann wuchtig auf den Seitentisch legen. Und dann eilte der K\u00fcchenjunge eiligen Schrittes durch den hinter Zeltausgang, so als w\u00fcrde er den Abort aufsuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das K\u00fcchenzelt hatte seinen Platz oben auf dem Feldherrenh\u00fcgel gefunden, direkt neben dem Lagerkreis, in dem der General und seine Offiziere die Lage besprachen. Die belagerte Grenzfeste Tiebel lag von hier aus fast tausend Schritte entfernt auf der rechten Seite. Ein gut gew\u00e4hlter Abstand, denn die drehbaren, riesigen Trebuchets der Festung warfen Felsen im besten Falle dreihundert Schritt weit. Die Front des Zeltes zeigte auf den Platz. Diese Front hatte man auf beiden Seiten mit einfachen Zeltw\u00e4nden verbreitet, um dahinter Vorr\u00e4te unsichtbar zu lagern. Und dort hatten die Bediensteten ein paar St\u00fchle platziert, um sich auszuruhen und auch mal ein Bier zu trinken. Der Stoff wies einige Sichtschlitze auf, durch die Aixa und Oszra nun sp\u00e4hten.<br>\u00bbEs bewegt sich viel heute\u00ab, wisperte Aixa ihm zu, \u00bbes wird eng f\u00fcr uns. Aus der Tiefebene n\u00e4hert sich der Entsatz der Festung. Es hei\u00dft, Azza Assalonn f\u00fchrt 8000 schwer bewaffnete Mann von hinten \u00fcber den Aufgang in die Festung. Der Mann wird der Bluthirsch der Tiefe genannt, das verhei\u00dft nichts Gutes. Die werden uns in einem Ausfall hinwegfegen, sage ich dir.\u00ab<br>\u00bbHmm,\u00ab grunzte Oszra.<br>\u00bbUnd es sind neue Besucher eingetroffen, die mit dem Besten bewirtet werden, was wir noch in den Vorratslagern haben. Mit Blutwein und reichlich Braten, als w\u00e4re beides nicht schon seit Tagen knapp.\u00ab<br>\u00bbEiner davon mit merkw\u00fcrdig viel Fell.\u00ab<br>\u00bbJa, ein Werwolf, aufgeplustert bis unter das Dach. Luran hei\u00dft er. Und bei ihm ein \u00e4lterer Mann, genannt Ismael. Der schaut die halbe Zeit fahrig in die Gegend, als w\u00fcsste er nicht so recht, wo er ist. Der wei\u00df wohl nicht, was er da soll.\u00ab<br>\u00bbVon Ismael habe ich geh\u00f6rt, es gab Ger\u00fcchte. Aber das, was ich h\u00f6rte, passt nicht zu dem, was du erz\u00e4hlst.\u00ab<br>\u00bbGer\u00fcchte gibt es viele\u00ab, knurrte sie, \u00bbich habe einige \u00fcber den Werwolf geh\u00f6rt\u00ab.<br>Ein Zischen von weit oben lenkte sie ab. Ein riesiger Feuerball zog \u00fcber den Himmel, fast so hell wir die Sonne.<br>\u00bbSie versuchen es wieder.\u00ab<br>\u00bbJa, das ist so befohlen. Jeden Zehnteltag testen.\u00ab<br>Der Glutball zog seine Bahn und machte dabei Ger\u00e4usche wie Eidechsen in der Bratpfanne. Dann geschah, was immer geschah. Der Ball wurde langsamer, er schrumpfte, um dann schlie\u00dflich mit einem feuchten Zischen im halb gef\u00fcllten Burggraben zu verl\u00f6schen.<br>\u00bbVerdammte Neutralmagier\u00ab, zischte Aixa, \u00bbdie Festung sollte schon lange der Horde geh\u00f6ren, und der Weg in die Tiefebene w\u00e4re unser. Aber die blockieren jeden magischen Angriff.\u00ab<br>\u00bbDie letzten vier Wochen hat sich wenig bewegt. Mal ein Angriff am Nachmittag auf die Tore. Dann so ein halber Ausfall von denen. Nix is&#8216;.\u00ab<br>\u00bbNa, du musst mal den Alten h\u00f6ren, da bewegt sich was. Da hat die Horde Erfolge. Da wird viel gemacht, alles sehr wichtig. Aber meist werden nur Bauern im Hinterland gefangen, f\u00fcr den Schlachter und die Kette.\u00ab<br>Oszra schauderte und musste unwillk\u00fcrlich in Richtung der Festungsmauern schauen. Dreihundert Schritte schafften die riesigen drehbaren Trebuchets auf den seitlichen T\u00fcrmen. Sie konnten den Zugang zu der Tiefebene nach hinten mit Tod \u00fcberziehen und nach vorne alles vernichten, was sich dem weit gezogenen Graben n\u00e4herte. Aber sie konnten nicht den Bereich am Fu\u00dfe des H\u00fcgels erreichen, an dem auch heute der Schlachter stand und Gefangene zerhackte. Er ging methodisch vor, lie\u00df sich einen nach den anderen aus den K\u00e4figen bringen. Er griff ihn dann mit seiner riesigen Hand und warf ihn auf die Schlachtbank. Dann w\u00e4hlte er eines der Messer oder eine der Hacken an seinem G\u00fcrtel aus und begann mit der blutigen Arbeit. Langsam und methodisch. Lange Atemz\u00fcge sp\u00e4ter rutschte eine blutige Masse vom Tisch. Zwei Mal am Tag belud man einen Wagen und karrte die Reste zum Graben. Einige Dags sicherten den Weg mit Schilden, gegen Angriffe mit B\u00f6gen. Die Wagen luden dort die Toten ab, um die Grabenhaie zu f\u00fcttern.<br>Die Kette stand dicht neben der Schlachtbank. Ein zehn Schritte hoher Pfahl, mit einem System aus Winden und Rollen, an dem man Gefangene hochzog. Der erste wurde mit den Handfesseln in einen Haken gehangen, der n\u00e4chste an dessen Beine gebunden, der dritte am Hals des zweiten und so weiter. Die Schergen w\u00fcrfelten manchmal, wie es in der Kette weiter gehen sollte. Man zog die Gequ\u00e4lten sehr langsam hoch. Irgendwann riss dann ein Arm, ein Bein oder ein Leib. Dann gab es Jubel von den Gewinnern und entt\u00e4uschte Schreie von den Kriegern, die vergeblich auf den ersten Abriss oder auf den ersten Durchriss gewettet hatten.<br>Vor ihnen im Rat der Feldherren wurde es laut. General van Heuckenroth erhob sich, hustete und rief: \u00bbAchtung, Achtung!\u00ab, wie er es immer tat, wenn er etwas verk\u00fcnden wollte.<br>\u00bbIch muss los\u00ab, raunte Aixa. Sie schnippte Oszra spielerisch, aber kr\u00e4ftig, mit zwei Fingern auf die Wange, wie sie es immer zum Abschied tat, wenn er nicht aufpasste. Sie zwinkerte dabei zufrieden und eilte dann raschen Schrittes um die Filzwand.<br>Er schaute ihr hinterher. Wenn sie doch mal etwas mehr Zeit h\u00e4tte, er w\u00fcrde sie schon in seine Felle bekommen. Er tr\u00e4umte einen Herzschlag lang von einer Nacht mit Aixa.<br>\u00bbHa!\u00ab erklang hinter ihm ein lauter Ausruf, der ihn erschrocken herumfahren lie\u00df.<br>\u00bbDer feine Herr hat sich eine Pause genommen, w\u00e4hrend alle anderen hart arbeiten, so so.\u00ab<br>Der K\u00fcchenchef stand zwei Schritte hinter ihm und lie\u00df die Knute langsam und liebevoll durch seine H\u00e4nde gleiten.<br>\u00bbDie Hose runter\u00ab, sagte er, w\u00e4hrend sich sein Gesicht zu einem widerlichen Grinsen verzog.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>General van Heuckenroth stand auf, holte tief Luft und rief: \u00bbAchtung, Achtung! \u00c4hem, es ist nun alles gekl\u00e4rt, denke ich. Die Festung Tiebel blockiert den Zugang zu der Tiefe.\u00ab<br>Ein Hochziehen und Spucken auf die Seite, dann ging es weiter: \u00bbUnd der\u2026 Magister, der glaubt er habe die Moral gepachtet, der h\u00e4lt den Widerstand aufrecht, obwohl in der Feste seit Wochen nur noch Leder gekaut wird.\u00ab<br>Ein feuchtes Husten unterbrach den alten, grauhaarigen Mann. Dann sprach er weiter: \u00bb\u00c4hem, heute Nacht wird, ach was sage ich, muss Valya Simkokan, den sie den Ph\u00f6nix von Tiebel nennen, dieser verdammte Magister, \u00e4hem, sterben. Wenn der tot ist, dann stirbt auch die Moral der Verteidiger. Dann f\u00e4llt die Stadt, \u00e4hem, das dauert nicht mal zwei Zehnteltagen, das verspreche ich euch.\u00ab<br>Es ging noch eine Weile weiter mit der Rede, die immer wieder von Husten und \u00c4hems unterbrochen wurde.<br>Aber Ismael folgte den etwas schw\u00fclstigen Ausf\u00fchrungen sowie nur fl\u00fcchtig, er w\u00fcrde heute nicht in den Einsatz gehen. Zweihundert Schritte vor den Mauern erlosch jede Magie. Seine Toten w\u00fcrden einfach umfallen, Steinriesen w\u00fcrden erstarren und D\u00e4monen zusammenbrechen. Seine Nekromantie war hier nutzlos.<br>Desinteressiert lie\u00df er seinen Blick in die Runde schweifen. Es waren knapp ein Dutzend Offiziere der Horde anwesend, sehr gemischte R\u00e4nge. Zwei Werw\u00f6lfinnen schmiegten sich in die Sessel, sie kicherten und fl\u00fcsterten miteinander und warfen immer wieder Blicke auf Luran. Ein Dag kauerte auf einem Baumstumpf. Er umklammerte den Griff der sechs Fu\u00df langen Axt, deren Blatt auf dem Boden ruhte. Neben ihm sa\u00df ein Dunkelzwerg, der sich auf sein Schwert st\u00fctzte und aufmerksam den Ausf\u00fchrungen des Generals folgte. Auch ein paar Menschen waren dabei, die sich in aufgeputzten Offiziersuniformen hervortun wollten. Diese begleiteten jede Aussage des Generals mit Kopfnicken und ged\u00e4mpften Ja-Lauten. Dazwischen verstreut sa\u00dfen die K\u00e4mpfer, die heute Nacht die Hauptrolle spielen sollten.<br>Die Vedde, eine Menschenfrau, trug ein s\u00fc\u00dfes herzf\u00f6rmiges Gesicht auf einem schmalen Hals. Aber Ismaels Blick blieb nicht an dieser Sch\u00f6nheit h\u00e4ngen, sondern wanderte immer wieder zu ihrem Buckel. Der erhob sich, unf\u00f6rmig von den Schultern ausgehend, zwei Fu\u00df \u00fcber ihren Kopf. Ihr langes, schwarzes Haar floss bis \u00fcber die Taille herab. Sie trug ein d\u00fcnnes Hemd aus Leinen und eine enge Hose aus rohem Leder. Auch die H\u00fclle, die ihren Buckel verh\u00fcllte, war aus Leder gefertigt.<br>Zwei St\u00fchle weiter sa\u00df ein kleiner Mann, von dem Ismael nur den Vornamen behalten hatte: Crevus. Der hing dort, in seinen schwarzen Wollumhang geh\u00fcllt, halb im Stuhl; seine Beine baumelten in der Luft. Die fehlende Gr\u00f6\u00dfe schien er mit der F\u00fclle seines Leibes wett machen zu wollen. Er war nach vorne und nach hinten gleicherma\u00dfen dick, aufgew\u00f6lbt wie ein Fass.<br>Der dritte, der heute Nacht mitlaufen w\u00fcrde, war der Werwolf Luran. Luran sa\u00df auf der anderen Seite neben Ismael und schaute auf den General.<br>\u203aWas ist heute mit dem los\u2039, dachte Ismael, \u203aso hat er sich noch nie gezeigt.\u2039<br>Lurans Kopf pr\u00e4sentierte als Mischung aus Mensch und Wolf. Die Augenpartie und die Stirn sahen aus wie die eines Menschen, aber den Bereich von Mund und Nase war eine Wolfsschnauze. Und darunter pr\u00e4sentierte sich ein aufrecht gehender, breitschultriger Wolfsk\u00f6rper, der wallendes Fell trug. Ismael konnte es in Gedanken nicht anders bezeichnen als geckenhaftes Festgefieder.<br>Und die Nummer vier stapfte nun zu ihnen den H\u00fcgel hinauf. Das Tageswerk war wohl vollbracht. Es war der glatzk\u00f6pfige, riesige Mann, den man nur den Schlachter nannte. Sein dicker Lederkittel spannte sich bei jedem Schritt um den feisten Leib, und seine Augen starrten blicklos auf die Gruppe. Er ging ohne eine sichtbare Regung im Gesicht. Schwei\u00df tropfte ihm nach der harten Arbeit vom Kopf auf den nackten Oberk\u00f6rper. Die Messer und Beile hingen blutbesudelt an seinem Lederg\u00fcrtel.<br>Der Schlachter hielt am Rande des Kreises der Feldherrenst\u00fchle an. General van Heuckenroth verstummte. Der halbnackte Mann blickte sehr langsam in die Runde und musterte jeden, der dort sa\u00df, einen halben Lidschlag mit einem \u00dcbelkeit ausl\u00f6senden Blick.<br>Dann fragte er mit einer rauen, tiefen Stimme.: \u00bbWann geht es los?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Am Vorabend des Kampfes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbLuran, was war das heute, was ist los mit Dir und\u2026 und diesem Heerlager? Warum wurden wir vor dem Morgengrauen aus dem Schlaf gerissen und im Galopp hierher verbracht? Und dann der Einritt in die Stadt, was war das? Pl\u00f6tzlich hast Du diese langen Haare, bist fast zweieinhalb Schritte gro\u00df und riechst wie eine Mischung aus Abfall und Blumen.\u00ab<br>\u00bbAbfall und Blumen, das hast du gut gesagt.\u00ab<br>\u00bbUnterbrich mich nicht. Im Lager liefen die Werw\u00f6lfe zusammen, warfen sich zu Boden, winselten und versuchten dir nahe zu kommen. Denen war egal, ob sie im Schlamm lagen. Und zwei oder drei n\u00e4ssten sich ein, als du nur noch einen Schritt entfernt warst.\u00ab<br>\u00bbJa, und die Wachen mussten sie abhalten, noch n\u00e4her zu mir zu kriechen. Das ist schlimm,\u00ab schnurrte Luran fast und grinste, soweit eine Mischung aus Mund und Schnauze grinsen kann, \u00bbsehr schlimm.\u00ab<br>Ismael hielt inne, blickte ihn an, fasste sich und blaffte: \u00bbAlso was war das vorhin und was soll das alles?\u00ab<br>\u00bbIch glaube\u00ab, Luran machte eine Pause, \u00bbich glaube, ich muss Dir mal ein paar Dinge erkl\u00e4ren.\u00ab<br>\u00bbNur zu, ich h\u00f6re!\u00ab<br>Der Werwolf begann, in dem Zelt vor Ismael hin und her zu gehen. Zwei Schritte in die eine Richtung, zwei in die andere, dabei waren die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken verschr\u00e4nkt.<br>\u00bbIsmael, du bist w\u00e4hrend der Finsternis geboren, die die Horde \u00fcber Magira gebracht hat. Du bist die meiste Zeit deines erwachsenen Lebens mit der Horde gezogen und du bist bald ein alter Mann. Wenn ich das, was du mir erz\u00e4hlt hast, richtig verstanden habe, dann siehst du Dich als Sklave der Horde, der gezwungen mitl\u00e4uft. Du bist ein hoher Sklave, du bekommst in den Heerz\u00fcgen die Privilegien eines Offiziers. Aber du bist immer noch ein Sklave, der die Horde lieber heute als morgen verlassen w\u00fcrde.\u00ab<br>\u00bbNein, nein, ich bin ein Teil der Horde und\u2026\u00ab<br>Lautes bellendes Gel\u00e4chter lie\u00df ihn verstummen.<br>\u00bbMach dir keine Sorgen, so denken viele. Aber das ist der Horde v\u00f6llig egal. Alle laufen mit. Und Du vergisst, vielen gef\u00e4llt es. Die Freiheiten, die es in der Horde gibt. Du bist ein guter K\u00e4mpfer? Niemand fragt, woher Du kommst, und was Dein Vater war. Du bist Stratege oder Schreiber? Nur zu, die \u00c4mter erwarten dich. Und ganz besonders Dich, Ismael, k\u00f6nnte noch einiges erwarten.\u00ab<br>Die Bewegung des aufrecht gehenden Halbwolfs stoppte abrupt. Luran sah sich um, als w\u00fcrde er die schlichten Zeltbahnen und die rauen Zeltstangen zum ersten Mal wahrnehmen. Einen Augenblick sp\u00e4ter stand er als schm\u00e4chtiger, fast unscheinbarer Mensch vor Ismael. Seine braunen Augen sahen ihn intensiv an.<br>Er sprach leise: \u00bbIsmael, Du bist so lange dabei, aber du wei\u00dft so wenig \u00fcber die Horde. Ich mag dich, und ich mache mir Sorgen um Dich. Du wei\u00dft nichts, aber auch gar nichts, von dem gewaltigen Ringen um die Macht, das im Hintergrund abl\u00e4uft. Vor vielen Jahren griff die Horde Magira an. Ein Angriff wie viele andere vorher. Die Horde schliff die Welten Magira, die Reiche versanken im Staub, und es entstanden \u00fcberall Enklaven der Finsternis.\u00ab<br>Einen Herzschlag lang macht Luran Pause. Er senkte den Kopf, als er sagte: \u00bbAber dann lief etwas schief, ganz geh\u00f6rig schief. Es gab Widerstand, wo keiner mehr sein sollte. Es gab Revolten und bereits besiegte Provinzen erhoben sich. Da lief etwas ganz anders als geplant. Beschissen anders. Die G\u00f6tter des Lichtes, diese eher schw\u00e4chlichen und weichen G\u00f6tzen, schlugen mit einer H\u00e4rte zur\u00fcck, die keiner in der Horde erwartet hatte. Die Horde ist jetzt tats\u00e4chlich in der Defensive. Es gibt nur eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr: Verrat! Die Entwicklungen der letzten Zeit sind weit verteilt, alle sind sie darin irgendwie verwickelt: Menschen, D\u00e4monen, Sch\u00e4deltr\u00e4ger und erst recht die h\u00f6heren D\u00e4monenlords. Azi, Samsa und andere k\u00e4mpfen hier in der Wesliche Welt um die Macht. Sataki\u2026, ja Sataki zieht die H\u00e4lfte aller finsteren F\u00e4den auf Magira. Er hat irgendetwas vor. Das gef\u00e4llt vielen in der Horde nicht. Ganz und gar nicht.\u00ab<br>Luran hob den Blick zu Ismael: \u00bbXrith&#8217;ee, dein alter\u2026 Freund, der war irgendwo auch dabei, ganz vorne in den Intrigen, auch wenn ich nicht wei\u00df, auf wessen Seite er stand.\u00ab Luran sah Ismael aus roten Augen an: \u00bbUnd wei\u00dft Du, warum Xrith&#8217;ee sterben musste?\u00ab<br>Ismael erinnerte sich an den verhassten Toten Gott, der ihm seine nekromantischen F\u00e4higkeiten gegeben hatte, und dessen Haut er nun als Maske trug. Er schauderte.<br>\u00bbNein. Oder warte\u2026 Xrith&#8217;ee musste sterben, weil das Licht eine hohe G\u00f6ttin sandte, wo er nur einen kleinen Hirschgott erwartete.\u00ab<br>Am\u00fcsiert hob Luran eine Augenbraue.<br>\u00bbDas war eine Falle in einer Falle in einer Falle. Also, die erste Falle war die des Lichtes, das die G\u00f6ttin anstelle des verbl\u00f6deten Hirsches schickte. Die zweite Falle war die der Horde, die diesen Plan von Spionen f\u00fcr teures Gold zugetragen bekommen hatten. Der offizielle Plan war, Sataki sollte eingreifen und die Lichtg\u00f6ttin vernichten.\u00ab<br>\u00bbSataki?\u00ab<br>\u00bbJa, der hohe D\u00e4monenlord selbst. Das w\u00e4re eine saubere Sache gewesen, f\u00fcr Cisaea, Sataki spielt nicht mit seiner Beute. Aber das war auch eine Falle f\u00fcr den Toten Gott, das war Verrat. Xrith&#8217;ee wurde zu m\u00e4chtig. Sataki kam nicht, und so starb der Tote Gott in der Schlacht.\u00ab<br>Luran lachte halblaut und h\u00f6hnisch in sich hinein.<br>\u00bbGut, es gab noch eine vierte Falle, von der ich auch erst sp\u00e4ter erfahren hatte. Das war nicht sch\u00f6n, eine unfreundliche \u00dcberraschung f\u00fcr Cisaea, die Lichtschlampeng\u00f6ttin. Schwert und Waage halfen an dem Tag nicht viel, auch die Macht der Sonne, die sie gerne beschwor, versagte. Die Horde erweckte an diesem Tag den Schl\u00e4fer, der in der vergessenen Stadt ruht. Er hatte sehr schlechte Laune und schier unendlicher Hunger w\u00fctete in seinen Eingeweiden. Seine Fl\u00fcgel trugen ihn mit m\u00e4chtigem Fl\u00fcgelschlag zu ihr, und er zerriss sie mit seinem Tentakelmaul und fra\u00df sie zur H\u00e4lfte.\u00ab<br>Lurans Gesicht verzog sich in falschem Bedauern: \u00bbDas war nicht sch\u00f6n. Das Licht weinte lange um sie.\u00ab<br>\u00bbEgal! Sataki kam nicht; er hat Xrith&#8217;ee verraten?\u00ab<br>\u00bbVermutlich ja. Aber wie gesagt, ich wei\u00df ich nichts Genaueres.\u00ab<br>\u203aOder du willst es mir nicht sagen\u2039, dachte Ismael.<br>Luran fing wieder an, hin und her zu gehen, langsam. Wieder in jede Richtung zwei Schritte, die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken verschr\u00e4nkt. Dann eine bed\u00e4chtige Wendung und die n\u00e4chsten Schritte folgten.<br>\u00bbUnd noch etwas, Freund Ismael. Um deine Frage zu meiner Rolle hier im Lager zu beantworten. Wei\u00dft Du eigentlich, wer ich bin?\u00ab<br>Einen Atemzug lang herrschte kaltes Schweigen im Zelt.<br>Ismael wandte unsicher den Blick zur Seite, wo der Wein auf einem grob gezimmerten Tisch stand. Er machte ein Schritt hin zu dem Tisch und schenkte sich ein. Seine H\u00e4nde zitterten dabei. Er nahm einen gro\u00dfen Schluck des bitteren Roten, dem schnell ein zweiter folgte.<br>Er sah Luran an und sagte langsam halb fragend: \u00bbDu bist mein Freund Luran, der Werwolf.\u00ab<br>Luran erwiderte: \u00bbJa, das bin ich. Aber wei\u00dft Du wie mein voller Name lautet?\u00ab<br>Ismael erwiderte nichts.<br>\u00bbIch bin dein Freund Luran. Aber ich bin auch Llranthan Luran Bergblut, Kronprinz des Rudels vom Blauen Mond aus dem Lande Gloeston. Heute morgen trug ich die Gestalt und den Geruch des Anf\u00fchrers dieses Rudels, um meinen Anspruch zu zeigen, das Rudel zu f\u00fchren. Ich h\u00e4tte jeden Werwolf im Lager get\u00f6tet, der sich nicht unterworfen h\u00e4tte.\u00ab<br>Ismael trat einen Schritt zur\u00fcck, der Arm mit dem Becher sackte nach unten. Wein tropfte schwer wie Blut auf den Boden und f\u00e4rbte das Gras.<br>\u00bbKronprinz\u2026 des\u2026 vom blauen\u2026 des gr\u00f6\u00dften\u2026\u00ab<br>\u00bbEs ist nur das zweitgr\u00f6\u00dften Rudel der Horde auf Magira.\u00ab Luran machte eine kurze Pause, dann spuckte er aus und sagte: \u00bbNoch.\u00ab<br>\u00bbDarum gab es f\u00fcr dich in jeder Garnison so einfach Papiere und Gold f\u00fcr die Reise.\u00ab<br>\u00bbJa, solch ein Name und mein Stallgeruch, die haben Vorteile.\u00ab<br>\u00bbUnd warum haben sie dich gesucht und hierher gebracht?\u00ab<br>\u00bbIch bin ausgebildet, jeden zu finden und zu t\u00f6ten, den ich finden und t\u00f6ten will. Ich werde mit den anderen drei zusammen den Magister t\u00f6ten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Angriff<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ismael konnte seine Magie nicht einsetzen, er sa\u00df nutzlos auf dem Feldherrenh\u00fcgel, ebenso wie einige verletzte Offiziere und die anderen Magier. Dazu gesellten sich ein paar magische Wesen und die Schreiber und Buchhalter. Die Nacht brach herein, als unten in der Ebene die gro\u00dfe Bestie Schlacht erwachte. Sie setzte sich langsam auf die Feste zu in Bewegung. Br\u00fcllende Krieger waren weiter hinten auszumachen, die Arbeiter, vermutlich Bauern, mit Lanzen antrieben. Diese mussten die Belagerungsger\u00e4te nach vorne schleppen, links und recht von Dags mit Lanzen flankiert und auf Kurs gehalten.<br>\u00bbArme Schweine\u00ab, murmelte die weibliche Ordonanz halblaut vor sich hin, die Ismael Wein einschenkte, \u00bbdavon kommen nicht viele zur\u00fcck.\u00ab<br>\u00bbJa. Meist ist es so, Arbeiter sterben, Krieger sterben. F\u00fcr mich ist es am Ende egal. Und du sei froh, wir sind heute nicht dran.\u00ab<br>Sie schaute hastig auf ihn, \u00fcberrascht das er ihr antwortete. Sie schien etwas sagen zu wollen, doch dann senkte sie still den Kopf und schluckte den Satz hinunter.<br>Ein Dutzend hastig zusammengezimmerter Trebuchets nahm die Arbeit auf. Kugeln aus loderndem Pech, Ghoule und brennende Skelettkrieger zogen als Geschosse ihre Bahn durch die Nacht. Einige zerschellten an der Mauer, doch die meisten flogen weit genug, um in der Stadt zu landen und Chaos zu stiften.<br>Kriegsh\u00f6rner ert\u00f6nten dumpf und langgezogen; schwere Reiterei zog schwerf\u00e4llig an der rechten Flanke entlang nach vorne. Sie sicherte diese Flanke, und die lanzentragenden, mit schwarz-silbernen R\u00fcstungen gepanzerten dunklen Ritter hielten sich bereit, um jeden Ausfall zu brechen.<br>\u00bbWoher\u2026\u00ab<br>\u00bbWas meint ihr?\u00ab fragte Ismael und sah sie an.<br>\u00bbIch meine, woher kommt dieser merkw\u00fcrdige Rauch.\u00ab<br>Die junge Frau neben ihm zeigte auf wei\u00dfe Schwaden, in denen sich d\u00fcnne schwarze F\u00e4den wanden.<br>Ismael beobachte die Erscheinung. Er konnte den Rauch sogar riechen, es war als w\u00fcrde direkt neben ihm ein Feuer brennen, in das jemand nasse Tannenzweige geworfen hatte. Die sich windenden F\u00e4den wurden mit jedem Atemzug schw\u00e4rzer und dicker. Einen Atemzug sp\u00e4ter schnellte einer davon nach vorne. Er ber\u00fchrte Ismael und die Welt um ihn herum versank in Rauch.<\/p>\n\n\n\n<p>Luran sah an der Mauer aus massiven Steinquadern empor, die sich vor ihnen erhob, und in der Dunkelheit weiter oben verlor.<br>\u00bbWann geht es los?\u00ab<br>Ein dumpfer Schrei erklang weit oben, dann flog etwas durch die Nacht. Ein Seil entrollte sich und das Ende kam ein paar Schritte vor ihnen zu liegen.<br>\u00bbGold findet doch immer einen Weg.\u00ab<br>Luran wollte das Seil ergreifen, doch die Vedde kam ihm zuvor. Sie sprang aus dem Stand fast sechs Fu\u00df hoch, um dann elastisch Hand \u00fcber Hand nach oben zu klettern. Es schien fast, als w\u00fcrde sie von einem unsichtbaren Seil nach oben gezogen.<br>\u00bbAngeberin\u00ab, knurrte Luran, dann folgte er ihr, so schnell es ihm m\u00f6glich war.<br>Die Vedde flankte \u00fcber die Mauerkrone. Dort lagen zwei tote Wachen und ein dritter Mann, der aussah wie ein B\u00e4cker.<br>\u00bbGut\u00ab, sagte sie, als sie sah, dass ein ordentlicher Knoten das Seil fest an einen eingelassenen Ring aus Metall sicherte. Dann vollzog sie eine scharfe Drehung nach rechts. Dort erklangen Rufe und vier oder f\u00fcnf W\u00e4chter rannten den Wehrgang entlang auf sie zu, so gut es ihre Halbr\u00fcstung und die Enge zulie\u00dfen. Ein zufriedenes L\u00e4cheln flog \u00fcber das Gesicht der schlanken buckligen Frau, das sie sehr sch\u00f6n und lieb aussehen lie\u00df. Sie stie\u00df sich nach vorne ab, und kam nach einer flie\u00dfenden Rolle kniend, fast mittig, in der Gruppe zum Halt. Ihre Dolche zucken nach links und rechts; einer gedankenschnell nach oben und einer wuchtig in Richtung Boden. Eine Wache br\u00fcllte auf und griff sich zusammensinkend ins Gem\u00e4cht. Der andere Mann, den sie getroffen hatte, sank auf die Seite und starrte auf seinen Fu\u00df, in dem ihr Dolch von oben steckte. Ein Heulen und Schluchzen entrangen sich seiner Kehle, als er nach hinten sank. Die beiden anderen Wachen z\u00f6gerten nicht einen Moment. Sie brachten trotz der Enge die Schilde nach vorne, um sie dann mit voller Wucht krachend auf die Vedde zu schmettern. Diese verlor das Gleichgewicht und wurde zu Boden geworfen. Ein hoffnungsvoller Ausdruck trat auf die Gesichter der Wachen, der abrupt verschwand, als sich Luran in Wolfsgestalt auf die beiden warf. Der linke Mann verlor seine Kehle durch einen einzigen Biss, der Blut in alle Richtungen spritzen lie\u00df. Die Vedde nutzte den Moment, rollte sich auf die Seite und stie\u00df zu. Wie von einer unsichtbaren Leine gef\u00fchrt, drang ihr Dolch mit einem Knirschen in eine Stelle ein, an der sich die Lederteile der R\u00fcstung \u00fcberlappten.<br>Der Schlachter und Crevus standen ungeduldig dort, wo sie \u00fcber die Mauer geklettert waren, und sicherten die andere Seite des Wehrgangs.<br>Die Erbauer hatten die Feste auf einem Tafelberg errichtet, sie ma\u00df in der L\u00e4nge fast eine dreiviertel Meile und war von einer un\u00fcberschaubaren Menge von Geb\u00e4uden bedeckt. Sie befanden sich an einer der hinteren Ecken und mussten sich durch die Anlagen schlagen, um Valya, den Ph\u00f6nix zu erreichen. Irgendwo dort vorne befehligte er die Verteidigung.<br>\u00bbWeiter, weiter, bevor es Alarm gibt!\u00ab rief Luran und st\u00fcrmte in das Dunkel zwischen zwei Baracken.<br>Sie kamen etwa drei oder vierhundert Schritte weit, dann erklangen kurze, schnelle Alarmh\u00f6rner, die ihre Anwesenheit signalisierten. Die Verteidiger hatten sie entdeckt, und sie formierten sich recht schnell.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Augen eines Werwolfes im Kampfrausch betrachtet, war die Welt immer in ein leichtes Rot getaucht, auch in der dort herrschenden Nacht. Und schon eine einzige Fackel reichte aus, um f\u00fcr ihn eine Gasse zu erhellen, w\u00e4hrend die Menschen darin langsam umher liefen, wie Blinde und Lahme; sie waren leichte Beute: Laufen, springen, bei\u00dfen, weiter, weiter, da vorne der n\u00e4chste. Die anderen aus seinem Rudel waren so langsam, nur die Vedde, die durch die Gassen sprang, rollte, stach und bei jedem Treffer hell lachte, konnte fast mit ihm mithalten. Der Schlachter bewegte sich wie halb aus Stein, er zerschnitt jeden Angreifer unertr\u00e4glich langsam mit seinem Schlachterbeil. Und Crevus, wo war Crevus?<br>Der Durchgang zwischen einer Backstube und einer Stallung \u00f6ffnete sich auf einen Platz, auf dem drei oder vier Lastkarren standen. Aus den T\u00fcren traten Gepanzerte in Vollr\u00fcstung und Bogensch\u00fctzen, die sofort ihre Kurzb\u00f6gen hoben und anlegten. An den Spitzen sah Luran ein unertr\u00e4glich helles, glei\u00dfendes Gl\u00e4nzen. Silber! Er heulte Wut und Zorn hinaus und warf sich nach hinten, in die Deckung eines Karrens, w\u00e4hrend die Pfeile sirrend an ihm vorbei flogen.<br>\u00bbDas wird h\u00e4sslich\u00ab, sagte die Vedde, die pl\u00f6tzlich neben ihm hockte und ganz ruhig die Szenerie betrachtete.<br>Der Schlachter trat aus dem Schatten und lachte br\u00fcllend. Er trug Crevus auf dem Arm, der sich dort fast zu einer Kugel zusammengekr\u00fcmmt hatte. Sofort prasselten Pfeile auf den Schlachter nieder, doch diese trafen weder die Sehschlitze seines Topfhelmes, noch kamen sie durch die metallverst\u00e4rkte Ledersch\u00fcrze. Die Pfeile im K\u00f6rper ignorierend, warf er Crevus zu den Rittern, um selber dann grunzend zu den Bogensch\u00fctzen zu stapfen. Sein grobes Schlachterbeil zuckte herab. Der Bogner vor ihm hieb mit einem letzten, schnellen Todesreflex sein Messer tief in die Fettw\u00fclste des Bauches, bevor er unter dem wuchtigen Hieb starb. Mit einem hellen Klirren brach die Klinge ab, w\u00e4hrend im tiefen Schnitt, der sofort begann sich zu schlie\u00dfen, kurz ein Metallgeflecht sichtbar.<br>Crevus kam als Kugel auf dem Boden auf. Vor einem der Ritter stand er auf und faltete seinen Bauch auseinander. Dort \u00f6ffneten sich bl\u00e4ulich umrandete, chitinbedeckte Schlitze und heraus schnellten zwei mehr als armlange Mandibeln, die den Ritter knapp unter dem Brustkorb umfassten. Der Mann schrie gellend und hieb panikerf\u00fcllt mit Kurzschwert und seiner gepanzerten Faust auf Crevus. Seine Schl\u00e4ge, und auch die Attacken mit dem Schwert, die seine Kameraden ausf\u00fchrten, glitten wirkungslos an Crevus\u2039 Kopf ab, der unter einer Haube aus Chitin verschwunden war. Dann setzte ein st\u00f6hnendes metallisches Knirschen ein. Die R\u00fcstung wurde langsam aber unerbittlich wie durch eine Presse zusammen gedr\u00fcckt, bis die entsetzen Schreie des Mannes in ein R\u00f6cheln \u00fcbergingen und verstummten. Panik ergriff die W\u00e4chter, und sie flohen, so weit sie es noch konnten.<br>Dann ging es weiter. Luran lief voran, durch die Nacht, durch die rote D\u00e4mmerung der Wut. Ein herausforderndes Heulen entrang sich seiner Kehle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die M\u00e4nner auf den Wehrg\u00e4ngen schossen mit B\u00f6gen nach unten. Unter die gew\u00f6hnlichen Pfeile aus Holz mischten sich Brandpfeile und welche mit silberner Spitze. Das Gebr\u00fcll der Verteidiger und das der Angreifer vermischte sich zu einem chaotischen Dom aus L\u00e4rm. Auf der mit Kopfstein gepflasterten Stra\u00dfe vor den Wehranlagen zogen schwere Gespanne vorbei. \u00dcberall rannten Bewaffnete, Tr\u00e4ger und Boten ihrem unbekannten Ziel entgegen. Valya Simkokan stand auf einer h\u00f6lzernen Plattform, die die Zimmerleute errichtet hatten. Von dort verfolgte er die Lage, schickte immer wieder Boten los, oder wies den Trompetern Signale an. Aufrecht stand er da, in einen schwarz-roten Mantel geh\u00fcllt. Wenn er mit seinen Adjutanten und Offizieren sprach, dann gab er seine Anordnungen fast im Plauderton und mit sparsamen Gesten.<br>Die Trebuchets der Horde waren durch die fest montierten, aber drehbaren Wurfgesch\u00fctze der Verteidiger bereits zerst\u00f6rt. Von oben hatte sich das leicht gestaltet. Es liefen wohl noch zwei oder drei Ghoule und Skelettkrieger in der Stadt herum, doch die Br\u00e4nde der Feuergeschosse waren weitgehend gel\u00f6scht. Der Magister der Festung blickte recht zufrieden auf die Lage. Der Angriff der Horde hatte unten vor der Mauer, im tiefen Schlamm der Gr\u00e4ben, bereits deutlich an Schwung verloren. Dazu kam der starke Beschuss von oben, der sein \u00fcbriges tat und die Angreifer bald brechen w\u00fcrde.<br>Ein Adjutant zupfte aufgeregt an seinem \u00c4rmel.<br>\u00bbHerr, seht doch!\u00ab rief er.<br>Valya wandte sich dem Tumult zu, der sich in den letzten Augenblicken hinter ihm entwickelt hatte. Eine Handvoll seine M\u00e4nner hieben auf unbekannte Angreifer ein. Er grinste zufrieden und wollte sich wieder nach vorne wenden, doch dann gefror sein Grinsen. Aus dem Tumult schob sich eine riesige, halbnackte Gestalt, die die M\u00e4nner links und rechts mit wuchtigen Hieben zerteilte und zu Boden warf. Zwei weitere Angreifer sprangen wie Schatten links und rechts nach vorne. Ein Werwolf und, er traute seinen Augen nicht, eine bucklige Frau. Als die Toten zu Boden sanken, war ihm das egal. Er br\u00fcllte den M\u00e4nnern, die vor der h\u00f6lzernen Plattform standen, einen Befehl zu: \u00bbGarde von Tiebel! Beendet das! Sofort!\u00ab<br>Zwanzig gro\u00dfe M\u00e4nner, in dunkelblaue Halbr\u00fcstungen geh\u00fcllt, schlugen Schwert und Lanze wie ein Mann auf die Schilde und riefen: \u00bbSo sei es!\u00ab Sie drehten sich um und griffen in den Kampf ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Angreifer schafften es schnell \u00fcber die erste H\u00e4lfte der Stra\u00dfe. Die Treppe zu der Plattform des Ph\u00f6nix erschien fast schon erreichbar, nur noch vielleicht ein Dutzend schneller Schritte entfernt. Doch dann schritt die Garde ein. Die H\u00e4lfte trug Schwert und Schild, die andere kurze, schwere Lanzen mit unterarmlangen Fl\u00fcgelspitzen. An jeder Klinge sah Luran Silber aufblitzen, und er sprang panisch zur\u00fcck. Die Vedde versuchte, nach vorne zwischen die M\u00e4nner zu springen, doch die hohen Schilde wurden zu einer engen Mauer zusammengezogen, die sie blockierte. Die Lanzen wurden von oben in seitliche Aussparungen in den Schilden eingelegt und sie sah sich den t\u00f6dlichen Speerspitzen gegen\u00fcber. Sie musste weichen.<br>\u00bbZur Seite ihr Maden, ich mach das\u00ab, grunzte der Schlachter ver\u00e4chtlich. Er wandte sich dem ersten W\u00e4chter auf der linken Flanke zu. Der und seine Nachbarn wichen etwas zur\u00fcck, wachsam, aber auch \u00e4ngstlich.<br>\u00bbMenschliches Vieh \u00ab, spuckte der Riese aus, machte einen weiteren Schritt, und hob sein Schlachterbeil, als ein ein dumpfer Laut erklang und ein erstaunter Ausdruck auf sein Gesicht trat. Die Verteidiger auf der Mauer hatten einen Skorpion gedreht und ihn auf den Angreifer abgefeuert. Ein Bolzen, so dick wie der Arm eines Mannes, ragte aus seiner Brust. Die Wucht hatte den Bolzen fast komplett durch den Schlachter getrieben, und sie war so gro\u00df, dass das unter der Haut eingelassene Kettenhemd nicht standgehalten hatte. Die Spitze ragte zwei Zoll aus dem R\u00fccken heraus. Die unf\u00f6rmige Gestalt des Schlachters sackte langsam in sich zusammen, wobei er vergeblich versuchte, den Bolzen herauszuzerren. Dann sackte er mit einem mit einem ungl\u00e4ubigen Ausdruck zur Seite und regte sich nicht mehr.<br>\u00bbR\u00fcckzug?\u00ab<br>\u00bbNein, f\u00fcr R\u00fcckzug sind wir nicht hier\u00ab, zischte Crevus und rannte auf seinen kurzen Beinen in die Gruppe der Gardisten. Sofort prasselten Schwerthiebe auf ihn ein, deren Wucht ihn zu Boden dr\u00fcckte. Doch Luran konnte sehen, dass er sich immer noch sch\u00fctzte, das er auf H\u00e4nde und Knien stabil hockte, und das seine Panzerung hielt. Der K\u00e4fermann riss seinen Umhang zur Seite und entbl\u00f6\u00dfte darunter schw\u00e4rzliche Fl\u00fcgeldecken. Diese klappten mit einem schmatzenden Laut auf und aus vier zitzenartigen Dr\u00fcsen auf dem R\u00fccken trat Spr\u00fchregen aus, der die Gardisten von unten einnebelte. Die Schwerter und Lanzen krachten auf den nun ungesch\u00fctzten R\u00fccken der kleinen Gestalt, konnten aber das Verteilen der Fl\u00fcssigkeit in der Luft nicht verhindern.<br>Einen Atemzug sp\u00e4ter h\u00f6rten die Hiebe auf. Die gro\u00dfen M\u00e4nner in Leder und blau gef\u00e4rbtem Stahl begannen zu taumeln, sie sanken in die Knie und \u00fcbergaben sich w\u00fcrgend. Eine Mischung aus Essen, Galle und Blut ergoss sich in dicken Strahlen auf das Kopfsteinpflaster. Die Garde war ausgeschaltet.<br>\u00bbLuft anhalten und durch!\u00ab rief Luran.<br>Er sprang im weiten Bogen \u00fcber die Garde, und die Vedde machte eine Rolle dar\u00fcber. Dann flogen sie die Treppe hoch, auf die Plattform auf der Valya Simkokan erstarrt stand und voller Unglauben auf die sterbenden Gardisten sah. Von dort irrlichterte sein Blick zu den Angreifern.<br>\u00bbBeste Gr\u00fc\u00dfe von der Horde, Herr Magister!\u00ab<br>Ein tiefer Biss grub sich in den Hals, ein schneller Stich zerfetzte das Herz, und der Ph\u00f6nix brach blutend zusammen.<br>\u00bbUnd jetzt raus hier!\u00ab rief Luran der Vedde zu.<br>Die Frau z\u00f6gerte nicht einen Moment. W\u00e4hrend Wachen auf die Plattform dr\u00e4ngten und die ersten Pfeile in ihre Richtung flogen, riss sie sich die dicke Lederhaube vom Buckel. Dann breitete sie ihre wundersch\u00f6nen, siebenfach unterteilen Fl\u00fcgel aus, deren feste ledrige Haut schwarz irisierend und feucht gl\u00e4nzte. Sie umfasste Lurans Brustkorb dicht unter den Vorderbeinen und sprang mit ihm \u00fcber die Mauer in die Nacht.<br>Das Br\u00fcllen der Verteidiger verklang hinter ihnen, w\u00e4hrend sie \u00fcber die Angreifer segelten und vereinzelte Pfeile an der festen Lederhaut der Fl\u00fcgel abprallten. Das triumphierende Lachen der Vedde perlte durch die Nacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Erwachen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWach auf, wir m\u00fcssen los!\u00ab<br>Etwas r\u00fcttelte an seiner Schulter, aber er blieb noch einen Moment bei dem Schiff im Traum.<br>\u00bbIsmael, was ist, komm hoch!\u00ab<br>Die Stimme kam ihm bekannt vor. Er zwang seine Augen auf, der Traum verblasste im Hintergrund, wie Rauch, der sich von einem Schornstein im Winter l\u00f6st und verschwindet.<br>Luran stand keuchend und halb gebeugt vor ihm, packte ihn hart an der Schulter und r\u00fcttelte diese.<br>\u00bbWas war, was ist los, was\u2026\u00ab stammelte Ismael, der sich nach vorne beugte, die Schultern zusammengezogen, als w\u00fcrde er sich gleich \u00fcbergeben.<br>\u00bbDer Ph\u00f6nix ist tot, aber auch wieder nicht. Ich habe ihn zerlegt, und die Vedde auch. Kehle raus und den Dolch tief in den Leib. Direkt ins Herz. Schnell und h\u00e4sslich. Das kann keiner \u00fcberleben. Aber er lebt. Als h\u00e4tte ihn ein Nekromant wieder erweckt, niemand versteht es.\u00ab<br>Luran sah Ismael dabei schr\u00e4g von der Seite an.<br>Ismael richtete sich auf, schwankte dabei im Sessel hin und her und sagte hastig: \u00bbAber in Tiebel gibt es keine Magie.\u00ab<br>\u00bbJa, richtig. Und Van Heuckenroth dreht fast durch. Das, was heute passiert ist, kann ihn seinen Kopf kosten. Aber das ist jetzt f\u00fcr uns egal, wir m\u00fcssen das Lager im n\u00e4chsten Zehnteltag r\u00e4umen, oder wir sterben. Die Sp\u00e4her berichten, Aszra Assalonn treibt seine Leute im Gewaltmarsch durch die Ebene. Die geben alles, um uns zu kriegen. Lass alles hier liegen, und komm. Die drei Pferde, ausgeruht und mit Wasser und Nahrung beladen f\u00fcr sechs Tage, stehen bereit. Sie werden uns bis Nabur bringen.\u00ab<br>\u00bbDrei Pferde?\u00ab<br>\u00bbJa, die Vedde kommt mit uns.\u00ab<br>\u00bbWas? Warum?\u00ab<br>Luran sah Ismael mit einem Blick an, der sagte: \u203aFrag nicht weiter.\u2039<br>\u00bbGut, dann los.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, an der Asche des erloschenen Feuers liegend, erinnerte sich Ismael an seinen Traum.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schritt durch eine Schlucht, deren schwarze aufgerissenen Felsen oben im Rauch verschwanden. Jeder Schritt war merkw\u00fcrdig leicht und schwer zugleich. Er trat aus der Schlucht und vor ihm erstreckte sich ein Strand aus grobk\u00f6rnigem schwarzen Sand. Am Ufer lag ein riesiges Schiff, das aus wirbelndem Rauch bestand, der sich unaufh\u00f6rlich in sich selbst drehte. Das Segel, das halb in Fetzen hing, bauschte sich unter einem Wind auf, den es nicht gab.<br>Er bewegte sich auf das Schiff zu, mit der vagen Ahnung, dort etwas zu finden, das er suchte.<br>Die n\u00e4chsten zwei Schritte trugen ihn bis vor die h\u00f6lzerne Planke, an der oben eine massige dunkle Gestalt stand.<br>\u00bbIch bin Jasaan Vander, der erste Maat. Wer seid ihr und was begehrt ihr an Bord?\u00ab<br>\u00bbIch m\u00f6chte mit jemanden reden, der f\u00fcr mich verloren ist.\u00ab<br>\u00bbUnd wen kann ich melden.\u00ab<br>\u00bbSagt mir zuerst, wer unter wessen Kommando steht das Schiff?\u00ab<br>Der Offizier schnarrte: \u00bbDer Herr Kapit\u00e4n ist Azi Azatoth der J\u00fcngere, hoher Sch\u00e4deltr\u00e4ger der Horde. Und sag er nun an, wer er ist!\u00ab<br>\u00bbNennt mich Ismael.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom Tode der Moral<\/strong><br>Klaus Erichsen<br>Hamburg, September 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Tode der Moral Auf dem Feldherrenh\u00fcgel \u00bbKomm\u00ab, fl\u00fcsterte Aixa, die junge Ordonanz. Ein vorsichtiger Blick in die Weite des K\u00fcchenzeltes, dann ein kecker Blick zu Oszra, gefolgt von einem auffordernden Zupfen am \u00c4rmel. 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