{"id":179,"date":"2021-07-31T14:23:13","date_gmt":"2021-07-31T13:23:13","guid":{"rendered":"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/?p=179"},"modified":"2021-07-31T14:23:13","modified_gmt":"2021-07-31T13:23:13","slug":"werkstattbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/werkstattbericht\/","title":{"rendered":"Werkstattbericht"},"content":{"rendered":"\n<p>Er ist viel zu klein, ich k\u00f6nnte kotzen. Schreien. Toben. Am liebsten w\u00fcrde ich jetzt irgendjemandem die Nase brechen, Blut spritzen lassen, zuschlagen, bis gar nichts mehr geht.<br>Aber ich schlie\u00dfe nur kurz die Augen und atme tief ein. Nat\u00fcrlich merkt er das. Aber so habe ich es gelernt. Irgendwo<br>in meinem Bauch ist angeblich ein Muskel oder so, der muss ganz locker sein, wie h\u00e4ngende Schultern. Haben sie mir, hat er mir beigebracht. Also atme ich ganz einfach, ganz tief, ein und dann aus. Und hasse dieses Werkzeug weniger. Ein bisschen weniger. Auch das soll helfen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Vor mir das Holzbrett. Und der eine Nagel. Daneben liegen die sechs anderen N\u00e4gel, und wieder daneben das verfluchte Dreieck aus Holz mit dem Gewicht an einer feinen Kette. Die lange Seite des Dreiecks ruht auf dem Boden. Da, wo sich die beiden kurzen Seiten treffen, oben, in der Mitte, da h\u00e4ngt das Gewicht. Und genau darunter ist ein kleiner Dorn. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Schei\u00df-Hammer ist doch gar keiner. Die Wut kocht wieder hoch. Ich fasse den Stiel noch fester. Diesen l\u00e4cherlichen, d\u00fcnnen Stiel. Meine Faust bemerkt ihn kaum.<br>Dieser Blick. Immer dieser fiese Blick, und dieses Grinsen auf dem hageren Gesicht. Die buschigen Augenbrauen. Klar muss er nichts sagen, ich wei\u00df schon. Das Licht der Fackeln flackert. Es ist beschissen kalt und meine Finger sind klamm.<br>Der verfluchte Kopf des Hammers hat nur die Schlagfl\u00e4che in der Gr\u00f6\u00dfe meines Daumennagels. Der Arsch nennt das Bahn. Bahn. Was soll das denn sein? Da ist doch l\u00e4cherlich. Das Ding wiegt fast nichts. Daf\u00fcr ist der Stiel recht lang.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich greife nach dem ersten Nagel. Und nach dem Klebekram im kleinen Topf daneben. Ich muss den Nagel nicht festhalten, ich darf ihn mit der festen Knete fixieren. Immerhin.<br>Rund um den eingeschlagenen Nagel hat er mit dem Stift einen Kreis gezeichnet, irgendwo auf dieser Linie m\u00fcssen die<br>anderen N\u00e4gel eingeschlagen werden. Als ob das so wichtig w\u00e4re. Ich verfluche den Tag, an dem ich meine Ausbildung<br>begann. Auf der Stra\u00dfe hatte ich doch kein ganz schlechtes Leben. Gut, ich geh\u00f6rte weder zu den St\u00e4rksten oder Geschicktesten. Ein paar Kniffe beim K\u00e4mpfen hatte ich mir abgeschaut, und so \u00fcberlebte ich lange genug, bis ich mich nachts mit diesem Arschloch anlegte. Nachdem er mir zweimal gegen den Kopf getreten hatte als ich im Dreck lag, hat er mir angeboten mitzukommen. So etwas kann \u00fcbel enden, ich wei\u00df, aber bei einem weiteren Tritt w\u00e4re es wohl aus gewesen. Ich stimmte zu. Es endete auch nur so halb \u00fcbel. Ich musste bei ihm in die Lehre<br>gehen. Immer noch besser als jede Nacht seinen Schwanz in meinem Arsch zu haben. Ein bisschen besser.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Lenk dich nicht ab. Der \u203aHammer\u2039 in meiner Hand, ich weigere mich fast ihn so zu nennen, saust herab auf den fixierten Nagel. Kurz vor dem Auftreffen verz\u00f6gere ich, so habe ich das gelernt.<br>Der Nagel wird ins Brett getrieben.<br>F\u00fcr mich sieht das gut aus.<br>Tats\u00e4chlich fordert er mich auf, den n\u00e4chsten Nagel zu nehmen. Meine Stimmung bessert sich, ich beuge mich runter<br>zu dem Brett, aber im flackernden Licht l\u00e4sst sich das nicht allzu gut in Augenschein nehmen. Na dann, n\u00e4chste Knete, n\u00e4chster Nagel.<br>Schon beim Ausholen merke ich, dass ich mich nicht genug auf die Aufgabe konzentriert habe, die Verz\u00f6gerung kommt zu sp\u00e4t und jetzt schreit mir der Meister auch noch ins Ohr \u2013 ich treffe den Nagel nur halb, schief, l\u00e4cherlich. Nicht tief genug.<\/p>\n\n\n\n<p><br>D<em>er zweite Schlag ist der schwerste <\/em>denke ich schon wie der Meister, dessen hohles Grinsen noch absto\u00dfender wird. Ich<br>k\u00f6nnte ihm die Fresse polieren, eine rote Welle aus Wut und Zorn \u00fcberrollt mich. Er zeigt auf den dritten Nagel. Luft holen. Nicht so verkniffen dreinschauen. Er sagt immer, er k\u00f6nne in meinem Gesicht alles, aber auch alles ablesen. Danke daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wird er irgendwann mal ablesen, dass ich ihm jetzt umgehend mit dem gro\u00dfen Vorschlaghammer den Sch\u00e4del<br>einschlage.<br><em>Lehrjahre sind keine Herrenjahre<\/em> noch so ein Spruch. Ich bringe Atmung und meine zitternde Hand wieder unter Kontrolle, nehme Knete und den dritten Nagel. Ich denke jetzt gar nicht gro\u00df dar\u00fcber nach, ein Schwung, ein Schlag. Kurzes Herunterbeugen auf die H\u00f6he der Nagelk\u00f6pfe. Auch das hier \u2026<br>Nicht nachdenken, keine Zufriedenheit, keine Frustration, weitermachen. N\u00e4chster Nagel, n\u00e4chster Schlag. N\u00e4chster Nagel, n\u00e4chster Schlag. Als ich zum letzten Nagel greifen will bedeutet er mir einzuhalten.<br>Es ist Zeit f\u00fcr die, jetzt wei\u00df ich es wieder, Waage. Setzwaage. Die lange Unterseite wird auf dem Nagel in der Mitte und dem misslungenen zweiten Versuch angesetzt. Klar, dass der Dorn nicht auf die Markierung in der Mitte zeigt.<br>Wut kocht wieder in mir hoch. Ein F\u00e4ustel w\u00fcrde reichen, eine kurze Gelegenheit, und mein Meister w\u00e4re blutver-<br>schmierte Vergangenheit.<br>Jetzt setzt er die Auflagenseite auf den ersten Nagel. Nach kurzem Auspendeln zeigt die Spitze des Gewichts auf den Dorn. Ich hatte recht gehabt.<br>Er legt das Instrument wieder zur Seite.<br>Was will er jetzt schon wieder? Noch ein Nagel, Lektion vorbei, dann lieber wieder Alltagsgesch\u00e4ft? Lass mich doch den<br>sechsten Nagel einschlagen. Stattdessen bedeutet er mir mitzukommen. Wir gehen nach nebenan. Bange Blicke folgen uns im n\u00e4chsten Gew\u00f6lbe, aber alle haben sch\u00f6n gelernt, die Klappe zu halten. Kann keiner sagen, dass der Meister nicht w\u00fcsste was er tut. Das ist ja das Problem. Ruhig bleiben.<br>Er geht zu einem M\u00e4dchen, einer jungen Frau, dreckig, stinkend wie alle hier. Nimmt ihre Hand. Legt sie flach auf den<br>Boden und h\u00e4lt sie fest. Ich schaue sie nicht an, gelernt ist gelernt. Nur auf die Hand, die Finger, den Zeigefinger. Lasse<br>mich neben ihr nieder. Sein Blick sagt: jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Wieder der Schwung, wieder das Verz\u00f6gern, und das satte Auftreffen. Sie kann nicht anders, sie schreit laut auf und mein Meister verpasst ihr eine Ohrfeige.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann nimmt er die Hand der wimmernden Gestalt und betrachtet das vordere Fingerglied. Ich senke die Augen, aus<br>meiner Sicht war alles richtig. Nicht \u00fcberm\u00fctig werden. Der Fingernagel war zersplittert, das Fleisch aufgeplatzt, aber<br>das Gelenk unbesch\u00e4digt. So, wie es sein sollte. Der Meister schnipste kurz gegen den Finger, ein St\u00f6hnen, ein kurzer b\u00f6ser Blick.<br>Mir bedeutet er aufzustehen.<\/p>\n\n\n\n<p><br><em>\u203aDie Kunst ist das rechte Ma\u00df aus Kraft und Geschicklichkeit\u2039<\/em> kam mir wieder in den Sinn. Schlie\u00dflich sollten die meisten Auftr\u00e4ge nachher wieder einer n\u00fctzlichen Arbeit nachgehen. Nur Idioten schlagen sie zu Kr\u00fcppeln. Es sei denn, der Auftrag lautet so. Auch das kommt vor.<br>Ich darf das zierliche H\u00e4mmerchen ablegen.<br>Zur Belohnung deutet der Meister auf den \u2026 F\u00e4ustel.<br>Endlich. Es gibt da noch ein paar Kniescheiben einzuschlagen. Aber nicht das Gelenk besch\u00e4digen.<br>Ich wei\u00df Bescheid, schlie\u00dflich bin ich bald kein Lehrling mehr sondern Geselle.<\/p>\n\n\n\n<p><br>WERKSTATTBERICHT<br>Michael Scheuch<br>Seeheim, Dezember 2020\/Januar 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ist viel zu klein, ich k\u00f6nnte kotzen. Schreien. Toben. Am liebsten w\u00fcrde ich jetzt irgendjemandem die Nase brechen, Blut spritzen lassen, zuschlagen, bis gar nichts mehr geht.Aber ich schlie\u00dfe nur kurz die Augen und atme tief ein. 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