{"id":128,"date":"2020-03-21T12:33:36","date_gmt":"2020-03-21T11:33:36","guid":{"rendered":"http:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/?p=128"},"modified":"2020-03-21T12:33:36","modified_gmt":"2020-03-21T11:33:36","slug":"weite-naehe-und-andere-traeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/horde-der-finsternis.de\/wordpress\/weite-naehe-und-andere-traeume\/","title":{"rendered":"Weite, N\u00e4he und andere Tr\u00e4ume"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Himmel ist blau, die Sonne senkt sich langsam dem bewaldeten Horizont entgegen und es kommt ihm vor, als l\u00e4ge purer Frieden in der Luft. Der Wind zerrt an den \u00c4sten, die Luft ist lau und angenehm. Schaut er genau hin, dann zittert das Laub merkw\u00fcrdig im Wind, die hohen Gr\u00e4ser wiegen sich \u2013 irgendwie falsch. Wie gefesselt starrt er auf die Ebene. Dies ist kein Sonnenuntergang, sagt ihm sein Instinkt. Ein Bussard st\u00fcrzt aus dem Himmel zu Boden, eine Feldmaus im Schnabel. Kurzes, heftiges Geflatter, dann f\u00e4llt er mit unnat\u00fcrlicher Geschwindigkeit dem strahlenden Blau wieder entgegen.<br> Sein Blick sch\u00e4rft sich, sieht jetzt die Ameisen vor seinen F\u00fc\u00dfen, r\u00fcckw\u00e4rts auf ihrem Heerpfad unterwegs. Die Fliege, die sich vom Spinnennetz l\u00f6st und davonfliegt. Schwarze Punkte am Himmel, V\u00f6gel r\u00fcckw\u00e4rts fliegend, und die aufgehende Sonne, die weiter untergeht. Ein paar Wolken am Horizont l\u00f6sen sich auf.<br> \u00bbEs ist wundersch\u00f6n\u00ab, sagt die Stimme an seiner Seite. Langsam dreht er den Kopf, den fremden und vertrauten Lauten folgend. Aus dem Augenwinkel ihre Gestalt, doch sobald sich sein Blick konzentriert bleibt nur ein Schemen. Er war ihr nie begegnet, und doch wusste er, dass sie es war. \u00bbDas ist es\u00ab, fl\u00fcstert er leise und nennt ihren Namen, \u00bbSahbri\u00ab. Ein Lachen. <br> \u00bbIch beherrsche die Zeit. Und Du?\u00ab<br> Pl\u00f6tzlich verschwindet die Szenerie, er blickt aus gro\u00dfer H\u00f6he auf das Meer, als st\u00e4nde er auf einem hohen Kliff, h\u00f6her als alle Steilk\u00fcsten von denen er wusste. Doch da war kein Land, er schien knapp unter der Wolkendecke zu schweben. Unter ihm bildet sich ein gro\u00dfer schwarzer Fleck im Meer, Dunkelheit die aufsteigt und Gestalt annimmt. Die Gestalt einer gro\u00dfen Insel, in ihrem Zentrum eine schwarze Festung. Aus pechschwarzem Nichts, aus Schatten geformt. Ferner Schlachtenl\u00e4rm, nur keine Kriegerscharen zu sehen. Todesschreie, verzweifeltes Weinen, endg\u00fcltiges St\u00f6hnen. Ein dunkelblaues Leuchten ist im Zentrum des Bauwerks zu erkennen, sein Schein dringt durch die Schatten, und dann diese tiefe, alles durchdringende Stimme: \u00bbKomm zu mir, und Dein innigster Wunsch \u2026\u201c Die Stimme schweigt, aber in ihm w\u00e4chst die Gewissheit: seine geheimste W\u00fcnsche w\u00fcrden wahr werden. Nur um den Preis, diese Schatten, diesen Schemen, dieses Echo vergangener Zeit einzuholen. Und das Leuchten zu ergreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam k\u00e4mpft sich sein Bewusstsein wieder an die Oberfl\u00e4che. Sternsnacht, der Magier, liegt in seinem Bett, und wie so h\u00e4ufig hallt der Traum noch nach. Das w\u00fcrde verschwinden, dachte er, und war sich im n\u00e4chsten Moment sicher: diesmal nicht. <\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p>Die W\u00fcstenluft flimmert, die Ebene glei\u00dft unter der erbarmungslosen Sonne. Die vier Pyramiden erheben sich drohend und stoisch zugleich. Die Bauarbeiten sind wohl beendet, am Fu\u00dfe der gr\u00f6\u00dften von ihnen treiben Reiter kleine menschliche Gestalten zusammen. Zelte und Holzgestelle brennen. Der W\u00fcstenwind ist hei\u00df, Sandk\u00f6rner schmirgeln die Haut. Er bedeckt seine Augen, Schutz vor den Sonnenstrahlen, aber sein Blick erfasst nicht das Geschehen weit unter ihm. Ruhelos ziehen Gedanken und seine Augen die Bahn, mal am Horizont, mal auf den Steinen vor ihm.  Sein Umhang flattert, Schwei\u00dfperlen flie\u00dfen von der Stirn ins Gesicht. Sein Atem geht schwer.<br>\nAm Rande seines Sichtfelds t\u00fcrmen sich Sand und Wind zu einem Sturm, Blitze zucken durch das schwarz-braune Chaos, und der dunkle Fleck scheint gr\u00f6\u00dfer zu werden und genau auf ihn zuzuhalten. Hinter ihm t\u00fcrmt sich das karge Gebirge ohne jede Vegetation, ohne jeden Anschein von Leben.<br>\nEr kennt diesen Ort. Sie hatten sich hier oft getroffen, weit weg von diesem Moloch von Stadt und diesem Abfallhaufen von Welt, auf einer anderen Schei\u00dfwelt eben. Es war, als w\u00e4re kaum Zeit vergangen, und doch war alles anders, das wusste er. St\u00e4rker als der aufkommende Sturm f\u00fchlt er die Zeit an sich zerren, er verzichtete darauf, das Gemetzel tief unter ihm genauer in Augenschein zu nehmen. <br>\n\u00bbDu hast noch so viele Fragen\u00ab, sagt die Stimme an seiner Seite. Die vertraute Stimme, die er so vermisste. Sein Kopf ruckte herum, aber nichts zu sehen. Da versank die Welt im Dunkel.<br>\nAls er wieder sieht: das Meer. Meterhohe Wellen, von wei\u00dfer Gischt gekr\u00f6nt. Die dunkle Insel, der drohende Schatten einer riesigen Festung. Der Kampf ist in vollem Gange, und aus den T\u00f6nen von Schwarz, Grau und schmutzigem Wei\u00df sticht ein blaues Schimmern hervor. Er wei\u00df sofort: hier ist es passiert. Hier verliert er seine einzige Vertraute. Ihr Abschied begann auf diesem Eiland, sturmumtost. Der Geruch von Verrat liegt in der Luft, nicht zuletzt von G\u00f6tterverrat. Alles, was an dieser Welt falsch und stinkend ist, kumuliert in diesen Stunden und Tagen. Nebelfetzen ziehen vor seinen Augen. Sie sind feucht, sein Herz ist schwer und wieder weigert er sich, allzu genau hinzusehen. Eine d\u00fcnne Stimme, nicht mehr als ein feines Fl\u00fcstern einer Frau: \u00bbKomm zu mir, und Dein innigster Wunsch \u2026\u00ab Das Blau pulst langsam. In den Schlachtenl\u00e4rm mischt sich ein feines Seufzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Schlag \u00f6ffnet Azi Azatoth der J\u00fcngere die Augen, sein Herz pocht, sein Atem geht hektisch. Das alles war zu echt um nur ein Schemen der Nacht zu sein. Das merkw\u00fcrdigste war die Gewissheit in ihm: er hatte sein Schicksal gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>*<\/p>\n\n\n\n<p>Die schwarzen W\u00e4nde schlucken die Sonnenstrahlen, die aus den gro\u00dfen Fenstern dringen. Auf dem dunklen Boden zeichnen sich kaum die Umrisse der Fenster ab. Nur Staub flirrt in den beschienen Bereichen, und es riecht nach Alter und Blut. Er ist nicht beeindruckt. Werder von den schieren Dimensionen des Palastes, noch von den d\u00fcsteren Gem\u00e4lden, von den Str\u00f6men aus Blut, die auf ihnen zu sehen sind und die Schlachtszenen. Die Schlacht\u00e4xte, Schwerter, Spie\u00dfe an den W\u00e4nden, die die Patina vergangener glorreicher Zeit tragen lassen ihn kalt. Vollst\u00e4ndig konzentriert er sich auf die gro\u00dfe T\u00fcr am Ende des langen Saales. Hinter ihm leises Gemurmel, vor ihm Stille. Dann schwere Schritte, ein Dr\u00f6hnen, auch wenn er viele Meter von den T\u00fcr entfernt in den vordersten Reihe steht. Ein Platz, den er sich energisch erarbeitet hat.<br>\nDie beiden riesigen T\u00fcrfl\u00fcgel schwingen auf. Eine gro\u00dfe, dunkle Gestalt, in einem Umhang mit Kapuze geh\u00fcllt, n\u00e4hert sich langsam aber mit sicherem Schritt dem riesigen Saal des erweiterten D\u00e4monenrates. <br>\nEr greift in seine Weste und umklammert das eiskalte Metall, sp\u00fcrt mit den Fingerspitzen den Edelstein, der in den Griff eingefasst ist. Glaubt sogar, seine W\u00e4rme zu sp\u00fcren. <br>\nDer D\u00e4monenlord betritt den Saal. Er wird zuerst in seinem pomp\u00f6sen Stuhl Platz nehmen, bevor die anderen sich an ihre Pl\u00e4tze begeben. Doch dazu wird es nicht kommen. Die W\u00e4rme eigener Gewissheit, des Bewu\u00dftseins von Macht durchdringt seinen K\u00f6rper, er zieht den Wurfdolch und mit einer durchgehenden Bewegung schleudert er ihn dem D\u00e4monenlord entgegen.<br>\n\u00bbDer Stein wird ihn f\u00fcr immer von dieser Weltenebene verbannen\u00ab, wisperte es in seinem Kopf. Und er wusste, dass sein Ziel nahe war.<br>\nDunkle Wolken, tobendes Meer, sterbende Magiraner. Die Schlacht war in vollem Gange, er steht auf den Mauern der Festung, so nah, so verdammt nah an diesem blauen Leuchten in ihrem Zentrum. Er hatte nicht vor, einen verloren Kampf zu k\u00e4mpfen. \u00bbKomm zu mir, und Dein innigster Wunsch \u2026\u00ab Er macht kehrt und betritt die riesige Anlage.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Traum ist ihm nahe. Jeden Tag. Jede Minute. Er w\u00fcrde sich auf den Weg machen. Die M\u00f6glichkeit, den D\u00e4monenlord f\u00fcr immer von dieser Weltenebene zu verbannen, war noch da. Ein leises Echo in seinem Kopf, aber vielleicht alle M\u00fchen und jeden Verrat wert.<\/p>\n\n\n\n<p>WEITE, N\u00c4HE UND ANDERE TR\u00c4UME<br>\nMichael Scheuch<br>\nSeeheim, M\u00e4rz 2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Himmel ist blau, die Sonne senkt sich langsam dem bewaldeten Horizont entgegen und es kommt ihm vor, als l\u00e4ge purer Frieden in der Luft. Der Wind zerrt an den \u00c4sten, die Luft ist lau und angenehm. 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